Der Burger aus dem Bioreaktor

London, 5. August 2013. Kamerateams aus aller Welt richten ihre Objektive auf die Petrischale in Mark Posts Händen. Auf den ersten Invitro-Burger der Menschheitsgeschichte, der an diesem Tag offiziell präsentiert wird. Und wirklich: die Masse im Rohzustand sieht aus wie richtiges Hack. Nur stammt das verarbeitete Fleisch nicht aus verhackstückeltem Rind, sondern aus dem Bioreaktor. Aus Stammzellen, die sich über Monate hinweg in einer Nährlösung aus Zucker, Fett, Mineralien und Aminosäuren vermehrt haben. Finanziert wird der 250.000-Dollar-Protoyp von Sergey Brin, dem Google-Gründer.

Als der Chef de Cuisine das Patty in die Pfanne legt, brutzelt es wie eine echte Frikadelle. Dann wird zur Geschmacksprobe gebeten. Die beiden von langer Hand auserwählten Testesser müssen sich einen 150-Gramm-Klops teilen; mehr Laborfleisch wäre zu teuer und zu aufwendig herzustellen. Die erste Testerin, die Ernährungswissenschaftlerin Hanni Rützler, schneidet sich vorsichtig mit dem Messer ein Stückchen ab, führt die Gabel zum Mund, immer im Fokus der Kameras. Sie kaut, schluckt den Bissen herunter. Schließlich, endlich, fällt die Expertin ihr Urteil. Wie schmeckt der Burger?

„Ein bisschen wie Kuchen“

Fünf Jahre nach der Erstverkostung des Invitro-Burgers kommen Forscher in Europa, den USA und Israel ihrem Ziel nun immer näher: Fleisch zu produzieren – oder etwas täuschend ähnliches -, ohne dabei Tiere zu töten. Und das möglichst zu Preisen, die sich auch Normalverbraucher leisten können. Produkte also, die die Welt braucht.

So zumindest hoffen es die Investoren, die viel Geld auf Mark Post und seine Wettbewerber setzen.

Der deutsche Geflügelfleisch-Konzern PHW („Wiesenhof“) hat zu Jahresanfang groß investiert in Supermeat: ein israelisches Startup, das Retorten-Hühnchenfleisch entwickelt. Tyson Foods, der führende Fleischverarbeiter der USA, hat sich gleich bei drei Kunst- oder Ersatzfleisch-Herstellern eingekauft: Future Meat aus Israel, Beyond Meat aus Los Angeles und Memphis Meats. Das Unternehmen aus San Francisco, das Hack- und Hähnchenfleisch im Labor aus Stammzellen züchtet, hat auch Bill Gates, Virgin-Gründer Richard Branson und den Agrarkonzern Cargill als Kapitalgeber angelockt.

Und im August sind der Darmstädter Chemie- und Pharmakonzern Merck sowie der Schweizer Fleischverarbeiter Bell mit kolportierten 7,5 Millionen Euro bei Mosa Meat eingestiegen. So heißt die Firma in Maastricht, die Mark Post und der ehemalige Fleischmanager Peter Verstrate gegründet haben.

„Zu viele Menschen wollen zu viel Fleisch essen“

All diese Unternehmen eint ein gemeinsames Ziel: den weltweit stetig wachsenden Appetit von immer mehr Menschen auf Fleisch zu stillen. Laut einer Uno-Schätzung soll die globale Fleischnachfrage in den kommenden drei Jahrzehnten nochmals um 85 Prozent wachsen. Mit herkömmlicher Viehzucht und Massentierhaltung lasse sich der Bedarf kaum noch decken, sagt der 61-jährige Post im Gespräch mit dem SPIEGEL: „Zu viele Menschen wollen zu viel Fleisch essen. Wir benutzten schon jetzt mehr als die Hälfte unseres Agrarlands für die Fleischproduktion.“ Daher müsse man Alternativen entwickeln. Und lernen, Alternativen in großer Masse zu produzieren.

250 Gramm Retortenhack kann Mosa Meat zurzeit pro Woche herstellen. Das reicht nicht mal für drei Big Macs. Aber mit den Millionen der Investoren schafft Mosa Meat nun zwei neue Bioreaktoren an: 1000-Liter-Tanks, in denen die Zellen en masse heranwachsen. Sie sollen 50 Kilo pro Woche hervorbringen. Und mit einem 25.000-Liter-Reaktor werde man schon in wenigen Jahren mehrere Hundert Tonnen pro Jahr produzieren können – zum Kilopreis von etwa 60 Euro, prognostiziert Post. Der Niederländer züchtet nicht nur Muskelzellen heran, sondern auch Fettzellen. „Die brauchen wir für den Geschmack, die Textur und dafür, den Burger saftig zu machen.“

Erfolgreich sind pflanzliche Alternativen

Die großen kommerziellen Erfolge feiern dagegen gerade Hersteller von Fleischimitaten aus Pflanzen. Der „Impossible Burger“ aus Kartoffel- und Weizeneiweiß, Kokosnussöl und einer speziellen Eisenverbindung wird schon in mehr als 2000 US-Restaurants serviert – meist zu Preisen zwischen 10 und 20 Dollar. Auch Air New Zealand bietet ihn neuerdings Business-Fluggästen an. Hersteller Impossible Foods aus Kalifornien sammelte im Frühjahr 114 Millionen Dollar bei einer Finanzierungsrunde ein. Und der „Beyond Burger“ von Beyond Meat, der in den USA in Tausenden Lebensmittelmärkten für etwa 3 Dollar pro Patty verkauft wird, ist neuerdings auch in ersten deutschen Restaurants zu haben. Seine Hauptzutat: Erbsenprotein. Klingt nicht verlockend. Schmeckt aber fast wie „The Real Thing“.

Beide Kategorien, das Laborfleisch wie auch Fleischimitate, hätten großes Potenzial, meint Mark Post. „Wenn die alternativen Produkte eines Tages gut und preiswert genug sind, werden sie nach und nach das Fleisch verdrängen.“

Beim Burger sind einige Hersteller schon recht weit gekommen beim Nachahmen des Originals. Erstens entscheidet beim Burger nicht nur das Fleisch selbst über den Geschmack beim Hineinbeißen, sondern auch Gewürze, Aromastoffe sowie andere Zutaten wie Saucen, Ketchup, Zwiebeln, Salat oder das Brötchen. Zweitens ist es für die Forscher noch viel einfacher, Muskel- oder Fettfasern zu züchten als ein kompaktes, appetitliches Stück Fleisch.

Bis zur Marktreife eines Retorten-Steaks werde es „noch einige Jahre“ dauern, prognostiziert Post. Aber: „Es ist machbar.“

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