Charlotte Würdig über Bodyshaming: "Diese 'Kritik' ist eine Bestätigung, die ich mir wünsche"

Frau Würdig, Sie sind Karrierefrau, Ehefrau, haben zwei Kinder. Und haben nun ein Buch über Fitness und gesunde Ernährung geschrieben. Haben Sie überhaupt Zeit für Sport?

Sport, Familie und Job – wie oft das kollidiert? Jeden Tag, unzählige Mal. Und das mit Karacho. Sport ist natürlich eine Sache, die ich planen, strukturieren und organisieren muss. Weil es anders einfach nicht geht. Jeden Sonntagabend schnappe ich mir meinen Terminkalender und einen Kugelschreiber und schreibe rein: „Montag – Training. Mittwoch – Training. Samstag – Training.“ Mein Training dauert jeweils eine halbe Stunde, und diese halbe Stunde gehört mir. Der Termin wird nicht abgesagt, ich gehe in dieser Zeit auch nicht ans Handy. Es ist mir auch egal, wenn ich eigentlich beruflich telefonieren müsste. Okay, eine Ausnahme gibt es: wenn mich meine Nanny oder die Kita anruft. Dann gehe ich natürlich ran.

Wie oft trainieren Sie?

Ich versuche, vier bis fünf Mal in der Woche zu trainieren. Diese Woche habe ich es nur drei Mal geschafft. Das ging aus zeitlichen Gründen wirklich nicht anders. Aber das ist auch okay. Dann versuche ich, das in der kommenden Woche besser zu machen.

Wie integrieren Sie Sport in Ihren Alltag?

Da versuche ich, möglichst flexibel zu bleiben. Ich trainiere zu allen möglichen Zeiten. Mal ist es morgens um halb 9, mal ist es abends um halb 10, mal kann es ein Nachmittagstraining sein. Viel anstrengender finde ich das Thema Ernährung. Das nimmt viel mehr Zeit in Anspruch. Aber ich versuche, meine ganze Familie einzubeziehen. Alle sollen mitmachen und Spaß daran haben. Am Anfang hat mich das alles überfordert, aber ich bin schnell reingewachsen.

Was bedeutet fit sein konkret für Sie?

Dass ich mich wohl in meinem Körper fühle, energiegeladen. Aber es geht über die körperliche Fitness hinaus. Wer sich fit hält, gewinnt auch mental an Stärke. Körper und Seele gehören einfach zusammen.

Sie schreiben auch über Sport als Lebenshilfe. Sie berichten unter anderem, wie das Training Ihnen bei der Verarbeitung von zwei Fehlgeburten geholfen hat.

Für mich war es damals wichtig, eine Routine zu haben. Vor allem in der schweren Zeit nach meinen Fehlgeburten. Dass ich einfach die Zuversicht hatte: Okay, ich mache das Training und danach wird es mir besser gehen. Viele Menschen wissen nicht, wie viele Endorphine durch Sport ausgeschüttet werden. Das hilft einem nicht nur beim Training selbst, sondern auch über den Tag hinweg, weil diese Glücksbotenstoffe nur sehr langsam abgebaut werden.

Verspüren Sie einen höheren Druck, sich fit zu halten, weil Sie im Rampenlicht stehen?

Ich glaube, ich würde es auch so machen, weil es mir persönlich wichtig ist. Ich trainiere ja auch nicht nur, wenn ein Job ansteht, sondern immer. Es tut mir einfach gut und stärkt mein Selbstbewusstsein. 

Frauen werden oft auf ihren Körper reduziert. Jedes Extrapfund wird kritisch beäugt. Gleiches gilt aber auch, wenn sie sich fit halten und Muskeln aufbauen. Wurden Sie auch schon für Ihre Figur kritisiert?

Zum Weiterlesen: „Löwinnen Power“ von Charlotte Würdig und Johanna Zacherl. Erschienen im Trias-Verlag. 200 Seiten.

Wer hat das nicht auch schon mal gehört: „Als Du ein paar Kilo mehr drauf hattest, hast du mir besser gefallen!“ Oder noch besser: „Dein Bauch ist mir irgendwie zu flach.“ Was ich dazu sage? Perfekt! Dann scheint mein Training ja gut zu funktionieren – genau das will ich ja. Denn diese „Kritik“ ist eine Bestätigung, die ich mir wünsche. Und Kritik kann man aushalten – abwenden ist ja fast nicht möglich. Also ran an den Speck im wahrsten Sinne des Wortes. Wichtig ist, dass man weiß wofür man es macht – für sich und niemand anderen. Das Selbstbewusstsein dafür kommt mit jedem kleinen Erfolg.

Wenn Sie Bilanz ziehen müssten: Was hat sich durch Sport für Sie verändert?

Dass ich keinen Kellerraum mehr habe, in den ich Schrott stellen kann, weil da jetzt meine Geräte stehen. (lacht) Nein, Spaß beiseite. Ich genieße mein Leben mehr. Ich genieße Essen viel mehr, weil ich weiß, was ich esse und weiß, dass das meinem Körper guttut. Vielleicht hängt das auch mit dem Alter zusammen. Ich bin 40 und einfach reifer geworden. Aber der Sport und die Ernährung helfen mir dabei. Wenn man sich anständig ernährt, hat man ein ganz anderes Körpergefühl.

Also kein Junkfood mehr für Sie?

Natürlich esse ich auch mal einen Döner. Ganz einfach weil er schmeckt. Und ab und zu ist das auch vollkommen in Ordnung.

Ein großer Ernährungstrend ist aktuell das Thema Intervallfasten – dabei wird wahlweise das Frühstück oder Abendessen weggelassen. Frühstücken Sie?

Oh, ja, ich liebe Frühstück.

Wie sieht für Sie das ideale Frühstück aus?

Am liebsten frühstücke ich zusammen mit meinen Kindern und meinem Mann. Das ist mein Lieblingsfrühstück. Ich muss ehrlich sagen, dass ich dabei gar nicht viel Wert auf gesunde Ernährung lege. Wenn die Kinder und ich Lust auf Brötchen mit Marmelade haben, dann essen wir das. Wenn wir Lust auf ein Spiegelei haben, was sehr oft vorkommt, dann hauen wir uns Eier in die Pfanne. Diese Balance und Freiheit will ich mir nicht nehmen lassen. Grundsätzlich versuche ich aber schon, mich bewusst und ausgewogen zu ernähren. Beim Mittag- und Abendessen fällt mir das leichter. Ich bin zum Beispiel ein großer Fan von Selleriesaft. Mein Mann leider nicht. Wenn wir fertig mit dem Essen sind, ist davon immer verdächtig viel übrig.

Wie definieren Sie gesundes Essen? Was ist das für Sie?

Gesundes Essen setzt sich aus drei Bestandteilen zusammen: Gemüse, Proteinen und gesunden Kohlenhydraten. Bezogen auf das Frühstück kann das ein gutes Vollkornbrot sein, auf das wir etwas Butter streichen und das wir mit Putenfleisch, Käse, Gurken oder Tomaten belegen. Vielleicht gibt es noch ein Spiegelei dazu. Danach hat man alles, was man braucht und ist für die nächsten Stunden satt.

Was sind die häufigsten Fehler, die Frauen beim Abnehmen machen?

Es gibt einen Fehler, den wohl alle Frauen beim Abnehmen machen: Sie essen nicht. Habe ich auch schon gemacht. Dann schaut man auf die Uhr und denkt sich: ‚Wow, schon 17 Uhr, und ich habe noch nichts gegessen. So geil, so geil.‘ Aber: Es ist überhaupt nicht gut für den Körper. Der Stoffwechsel stellt dann auf Sparflamme und lagert alles an, sobald man wieder richtig isst. Das ist ein großer Fehler. Wir sind uns nicht bewusst, wie wichtig Essen ist.

Wenn man anfängt, sich gesund zu ernähren und Sport zu machen: Wie rettet man das im Alltag? Das eine ist ja der Vorsatz, das andere ist der Alltag. 

Indem man das Scheitern zulässt. Wenn ich mir jetzt vornehme: Morgen werden ich um neun Uhr frühstücken, dann werde ich um 13 Uhr was Gesundes essen. Um 17 Uhr ist auch noch eine Mahlzeit eingeplant. Und dazwischen mache ich eine Trainingseinheit – los geht’s! Dann kommt mit Sicherheit der Kleine um die Ecke und sagt: „Mama, ich habe irgendwie Fieber.“ Woah, Mist. So funktioniert das nicht. Man muss mit dem planen, was man hat – mit der Zeit, mit den Dingen, die im Kühlschrank sind. Und dann flexibel sein. Zur Not trainiere ich eben um 23 Uhr abends. Ich sage immer: Kommt weg vom Perfektionismus. Das macht es einfacher.

Ihr bester Motivationstipp?

Sei dir dessen bewusst, warum du es machst. Ruf dir das immer wieder ins Gedächtnis. Willst du dich besser fühlen? Gesünder leben? Selbstbewusster sein? Oder einfach wieder in die Lieblingsjeans passen? Dann leg‘ dir diese Jeans raus, schau sie jeden Tag an. Sie wird dich total nerven. Aber sie hängt auch nur so lange da, bis du es geschafft hast. Und dann wirst du sie anziehen, dich besser fühlen, selbstbewusst sein – und das auch ausstrahlen.

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