Eklat um Schadstoff-Trickser: Was von Köhlers Thesen noch übrigbleibt

Im Feinstaubwirbel stellt sich nun heraus, dass derjenige, der ihn aufgebracht hat, kein Rechenkünstler ist. Systematische Fehler warf Dieter Köhler anderen Wissenschaftlern vor. Stattdessen zeigt eine genaue Analyse vielmehr, dass seine Thesen sich weitgehend in Staub auflösen.

Dieter Köhler ist der wohl am meisten genannte Name, wenn esaktuell um die Feinstaub-Grenzwerte geht. Der pensionierteLungenarzt stellte die Schädlichkeit von Luftverschmutzung inFrage. Daten seien von Wissenschaftlern „extrem einseitiginterpretiert“ worden, „immer mit der Zielvorstellung, dassFeinstaub und NOx schädlich sein müssen“.

Die Tageszeitung „taz“hat Köhlers Berechnungen nun noch einmal sehr fein analysiert undfestgestellt: Rechnen und exakte Chemie zählen im Gegensatz zumedial wirksamen Auftritten nicht zu Köhlers Stärken. Hier nocheinmal ein Blick auf Dieter Köhlers Thesen im Einzelnen:

Mehrmals verrechnet: DerLungenarzt vergleicht die Luft in Innenstädten mit demSchadstoffgehalt von Zigarettenrauch. Denn auch hier entsteht ausStickstoff Stickstoffdioxid.

In seiner viel diskutiertenStellungnahme stellte Köhler einen Raucher und einem Nichtrauchergegenüber, der „permanent Feinstaub oder NOx im Grenzwertbereich“einatmet: In weniger als zwei Monaten sollte der Raucher dievergleichbare Feinstaubdosis schon erreicht haben.

Wolfgang Straff,Mediziner und Abteilungsleiter für Umwelthygiene beimUmweltbundesamt sagte dazu: „Das ist schon aufgrund desunterschiedlichen zeitlichen Zusammenhangs nicht sinnvoll.“

Richtigwäre stattdessen, wie die „taz“ schreibt: „Wer an einer vielbefahrenen Straße wohnt, atmet während eines Lebens von 80 Jahrenso viel Stickoxide ein wie ein starker Raucher in 6 bis 32 Jahren.“Je nach angenommenem NO2-Anteil im NOx.

Köhlers Rechnung hinterseinen Zahlen erwies sich gleich in mehrfacher Hinsicht alsfehlerhaft. Damit konfrontiert versuchte sich der Lungenarztzunächst herauszureden, bevor er seine Fehlannahmen schließlichzugab.

Von dieser These bleibt also nichts übrig.

Chemie, schwierig, wenn man’sgenau nimmt: Für seine Rechnung bringt der Lungenarzt erst einmalStickoxide im Allgemeinen (NOx) und Stickstoffdioxid (NO2)durcheinander.

Köhler geht von einem Ausgangswert von 500Mikrogramm Stickstoffdioxid pro Zigarette aus. Es stellte sichjedoch heraus, dass diese 500 Mikrogramm für Stickoxide generellgelten, also die gesamte NOx-Gruppe, zu der die Stickstoffdioxide(NO2) gehören. Der Anteil an NO2 ist also geringer als 500Mikrogramm.

Darüber hinaus verrechnete sich der pensionierteLungenarzt wieder, korrigierte sich selbst und bezog sich aufveraltete Grenzwerte.

Die Überprüfung der „taz“ ergab: DerTagesgrenzwert für Feinstaub, auf den sich Köhler stets beziehe,liege bei 50 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Köhlers für denZigarettenrauch genannter Maximalwert von 500 Gramm pro Kubikmeterentspricht umgerechnet 500 Millionen Mikrogramm pro Kubikmeter.

Die„taz“ rechnet weiter: „Stimmte die genannte Zahl, wäre dieKonzentration im Zigarettenrauch demnach nicht 1 Million Mal sohoch wie der Grenzwert auf der Straße, sondern 10 Millionen Mal.“

Diese These ist demnach ebenfalls nicht richtig.

Köhler siehtkeinen wissenschaftlichen Beleg dafür, dass Stickstoffdioxid – inder niedrigen Konzentration, wie sie durch den Straßenverkehrerzeugt wird – schädlich für den menschlichen Körper sein könnte.Es komme gar nicht erst in den Blutkreislauf.

Dem widersprichtThomas Münzel vom Wissenschaftlichen Beirat der DeutschenHerzstiftung und Direktor der Klinik für Kardiologie I derUniversitätsmedizin Mainz: Stickstoffdioxid reizt Augen undAtemwege, dringt tief in die Lunge ein, verengt Bronchien undBlutgefäße und kann Entzündungen auslösen. „Abgase desStraßenverkehrs, insbesondere von Dieseltreibstoff, können dieBlutplättchen von Herz-Kreislauf-Patienten aktivieren und so derenNeigung erhöhen zu verklumpen. Die Pumpfunktion des Herzensverschlechtert sich nachweislich, der Blutdruck steigt und derProzess der Arteriosklerose wird deutlich gesteigert. Das befördertdie Entstehung eines Herzinfarkts“, erklärt Münzel.

AndereMediziner stützen Köhlers Thesen. So sagt etwa Martin Hetzel,Facharzt für Innere Medizin, Pneumologie und Kardiologie amStuttgarter Krankenhaus vom Roten Kreuz: „Es gibt keine Feinstaub-oder NO2-Erkrankungen des Herzens und es gibt keinen einzigenFeinstaub- oder NO2-Toten. Das sind konstruierte mathematischeModelle“, so der Mediziner.

Köhlers These bleibt also umstritten.

Für den Lungenspezialisten Köhler sind diefestgelegten Grenzwerte reine Willkür. „Ob derStickstoffdioxid-Grenzwert bei 40 oder 100 Mikrogramm liegt, machtkeinen Unterschied. Da gibt es keinen Toten mehr“, sagte er in „Stern TV“.

Dem widersprechen die Autoren der europaweitenESCAPE-Studie. Bei der Studie wurden die Längsschnittdaten von300.000 Probanden analysiert und erstmals ein Zusammenhang zwischender Exposition mit Feinstaub und Stickoxiden geografischer Datengezogen. Was die Wissenschaftler dabei auch feststellten: Erhöhtsich der Feinstaub um nur fünf Mikrogramm pro Kubikmeter, zeigtendie Daten eine statistisch signifikante Zunahme der Sterblichkeitum sieben Prozent an, schreiben die Autoren in „The Lancet“.

In denUSA dagegen sieht die Umweltbehörde EPA das nach Auswertungzahlreicher Studien seit Jahren anders – auch darauf hatte sichKöhlers Kritik bezogen. Wissenschaftler in den USA haben dasselbeDatenmaterial zur Verfügung, sondern aber offensichtlich Studienaus, die die Europäer zulassen.

Ergebnis: In den USA liegt derGrenzwert seit vielen Jahren bei 103 Mikrogramm, wobei sogar derBundesstaat mit den strengsten Grenzwerten – Kalifornien – 57Mikrogramm als ausreichend sicher ansieht. Die 40 Mikrogramm der EUsind derweil ein Mittelwert, während der Stundengrenzwert deutlichhöher liegt (200 Mikrogramm).

Der Grund: Bei einer nur kurzzeitigenBelastung wären selbst 200 Mikrogramm – fünfmal soviel wie derJahresmittel-Grenzwert von 40 Mikrogramm – nichtgesundheitsgefährdend. Neben den verkehrsnahen Messstationen gibtes deshalb auch Stationen im Hintergrund, vor allem inWohngebieten. Dort ist die Schadstoffbelastung laut den aktuellstenDaten des Umweltbundesamtes deutlich geringer.

Köhlers These bleibtumstritten, ist allerdings nicht ganz von der Hand zu weisen –Epidemiologen gaben jedenfalls zu, dass es sich bei Grenzwertenstets um Empfehlungen handelt, deren letztliche Ausgestaltung einepolitische und keine medizinische Entscheidung sei.

Köhler selbstbetrachtet all diese Fehler der „taz“ zufolge als kein großesProblem. Die „Größenordnung“ sei trotzdem richtig, argumentiert er.Für seine Rechenfehler und veraltete Grundlagen hat derGrenzwert-Skeptiker eine einfache Erklärung parat: „Ich mache japraktisch alles allein und habe nicht einmal mehr eine Sekretärinals Rentner.“

Quelle: Den ganzen Artikel lesen