WHO schlägt Alarm: Alle 40 Sekunden stirbt ein Mensch durch Suizid

Rund 800.000 Menschen nehmen sich pro Jahr das Leben. Eine Studie aus Bayern zeigt: Suizidgefährdete Menschen geben ihrem Umfeld oft Hinweise auf einen geplanten Selbstmord – Angehörige wissen aber häufig nicht damit umzugehen und fühlen sich hilflos.

Jährlich nehmen sich nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) rund 800.000 Menschen auf der Welt das Leben. Alle 40 Sekunden sterbe ein Mensch auf diese Weise. Damit gehöre Suizid zu den häufigsten Todesarten, teilte die WHO zum heutigen Welttag der Suizidprävention mit.

Die Vorbeugung sei eines der wichtigen Ziele der WHO. Zwar sei die Zahl der Länder mit entsprechenden Präventionsprogrammen in den vergangenen 5 Jahren auf nun 38 gestiegen, aber immer noch gebe es in vielen Ländern keine entsprechenden Angebote für gefährdete Menschen, kritisierte die WHO.

Anmerkung der Redaktion: Wir haben uns in diesem Fall entschieden, über Suizid zu berichten. Leider kann es passieren, dass depressiv veranlagte Menschen sich nach Berichten dieser Art in der Ansicht bestärkt sehen, dass das Leben wenig Sinn habe. Sollte es Ihnen so ergehen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge. Hilfe finden Sie bei kostenlosen Hotlines wie 0800-1110111 oder 0800-3344533.

WHO fordert mehr Vorbeugungsprogramme

"Selbstmorde sind vermeidbar. Wir rufen alle Staaten dazu auf, bewährte Strategien zur Vorbeugung gegen Selbstmord in ihre nationalen Gesundheits- und Bildungsprogramme einzubeziehen", forderte WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus.

Dazu gehöre etwa, den Zugang zu chemischen Mitteln wie Pestiziden zu erschweren, mit deren Hilfe viele Menschen Suizid begingen. Wesentlich sei es auch, junge Menschen gegen Stress zu stärken und suizidgefährdete Personen rechtzeitig zu identifizieren und langfristig zu betreuen.

In Deutschland starben im Jahr 2017 laut Statistischem Bundesamt gut 9200 Menschen durch Suizid.

Häufig fühlt sich das Umfeld hilflos

Trotz Suizid-Ankündigungen greift das Umfeld in vielen Fällen nicht rechtzeitig ein. Zu diesem Ergebnis kommt eine kürzlich veröffentlichte Analyse des Bezirkskrankenhauses Kempten. Insgesamt werteten die Ärzte und Wissenschaftler mehr als 600 Akten über Suizide in der Allgäuer Region aus. Bei knapp der Hälfte der untersuchten Fälle gab es zuvor Hinweise auf einen Selbstmord.

"Aus den Akten kann man oft direkt, aber meist eher zwischen den Zeilen eine Hilflosigkeit des Umfeldes herauslesen", heißt es in der Untersuchung, in der Suizidfälle von 2001 bis 2009 analysiert wurden. "Die Angehörigen, Freunde, Kollegen etc. wussten einfach nicht, wie sie damit umgehen sollten oder wo sie sich professionelle Hilfe holen konnten."

Es gelte, präventive Hilfsmaßnahmen zu erforschen. "Wir müssen suizidgefährdete Menschen besser verstehen", sagte Peter Brieger, der als ehemaliger ärztlicher Direktor des Bezirkskrankenhauses Kempten die Analyse veranlasste. Somatische Erkrankungen waren der Allgäuer Studie zufolge mit 26 Prozent Hauptgrund von Suiziden. Depressionen kamen mit 23 Prozent auf Platz zwei. In 15 Prozent der Fälle waren Partnerschaftsprobleme das Motiv.

Männer sind häufiger betroffen

In keinem Bundesland ist die absolute Zahl der Suizide so hoch wie in Bayern. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes nahmen sich im Jahr 2017 insgesamt 1597 Menschen im Freistaat das Leben – das sind noch 85 mehr als im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen. Bundesweit lag die Zahl der Suizide 2017 bei 9241. In Deutschland sterben in jedem Jahr mehr Menschen durch Suizid als durch Verkehrsunfälle, Gewalttaten und illegale Drogen zusammen.

Sowohl in Bayern als auch im ganzen Land ist ein Großteil der Opfer männlich. 1226 Männern, die sich 2017 in Bayern umbrachten, stehen 371 Frauen gegenüber. Die höchste Risikogruppe waren dabei die 50- bis 55-Jährigen. In dieser Altersklasse brachten sich 188 Menschen um – 48 Frauen und 140 Männer.

Die Suizidrate sei im Durchschnitt im Alpenraum höher, sagte Brieger. Tradition, unterschiedliche Kohäsion der Gesellschaft und weniger Psychotherapeuten könnten ebenso eine Rolle spielen wie ein "schroffer Lebensalltag". Eine genaue Erklärung haben aber auch Fachleute nicht. Letztlich seien die Gründe für einen Selbstmord ein komplexes Zusammenspiel mehrerer Faktoren, sagte Brieger. Sich rein auf regionale Ausreißer zu fokussieren, sei nicht zielführend.

Die Suizidrate in Bayern ist rückläufig

Die Zahlen sind rückläufig. 2016 brachten sich noch 1738 Menschen um, 2015 rund 1800 Menschen. Bei der weitaus größten Zahl (1082), lag damals laut bayerischer Polizeistatistik "Krankheit, Schwermut oder Nervenleiden" vor. 84 Personen brachten sich demnach wegen Familienzwistigkeiten um, 71 aus Liebeskummer, 44 wegen einer wirtschaftlichen Notlage, 17 aus Furcht vor Strafe und in 11 Fällen lagen Drogenprobleme vor. In rund 500 Fällen gab es keinen erkennbaren Grund.

In den vergangenen 40 Jahren habe sich die Suizidrate trotz wachsender Bevölkerung mehr als halbiert, sagte Brieger. "Grund dafür sind bessere Versorgung, bessere Aufklärung, bessere Hilfen, Entstigmatisierung von psychischen Krankheiten, bessere Krisenkonzepte." Ein Beispiel ist der psychiatrische Krisendienst in Bayern: Unter einer Hotline können Betroffene in seelischen Krisen eine Soforthilfe und qualifizierte Beratung erhalten.

290.000 Alkoholtote pro Jahr – WHO: "Europäer trinken zu viel Alkohol"

FOCUS Online 290.000 Alkoholtote pro Jahr – WHO: „Europäer trinken zu viel Alkohol“  

Quelle: Den ganzen Artikel lesen