Ist mein Blut giftig?

Ich bin ausgebildeter Gesundheits- und Krankenpfleger. Sechs Jahre lang habe ich in einem Krankenhaus gearbeitet, drei davon auf einer Intensivstation. Ich kam ständig mit Blut, Exkrementen, Krankheiten in Kontakt und habe mich in keinem anderen Beruf so sicher gefühlt.

Einerseits, weil mir alle Sicherheitsvorkehrungen beigebracht wurden, andererseits aber auch, weil niemand sich für meine sexuellen Aktivitäten interessiert hat – weder mein Chef noch meine Kolleginnen und Kollegen. Ich war nicht der Andere. Bis die Aufrufe zum Blutspenden kamen. Da wurde es mir wieder bewusst: Ich konnte meinen Beruf ausüben und hätte ihn selbst mit einer HIV-Infektion ausüben können; was ich aber nicht durfte, war Blut spenden.

Oft habe ich mich gefragt, ob ich nicht trotzdem zur Blutspende gehen sollte. Meine Blutgruppe ist 0, ich gelte als Universal-Blutspender, eigentlich ein Segen für alle. Aber es wird mir verboten, weil ich Sex mit Männern habe. Ich müsste lügen, um es zu tun. Was wäre passiert, wenn ich es getan hätte? Ich weiß es nicht, und selbst, wenn ich es getan hätte, würde ich es nicht in diesem Text offenbaren, weil es unerheblich ist: Für die Gesellschaft bleibt mein Blut Gift.

Nun will die FDP-Fraktion das ändern und die Karenzzeit für Männer und Trans*Menschen aufheben, weil es „eine unhaltbare Diskriminierung ohne medizinische Notwendigkeit“ darstellt – ein entsprechender Antrag wird kommende Woche beim Bundestag eingereicht.

Fast gleichberechtigt

Zum Hintergrund: 2017 hatten sich die Richtlinien für das Spenden von Blut geändert. Männer, die mit Männern Geschlechtsverkehr haben, durften seit dieser Neuerung erstmals Blut spenden – allerdings nur, wenn sie ein Jahr lang keinen Sex hatten; das galt auch für Trans*Menschen, Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter. Die gute Nachricht: Wir wurden nicht mehr dauerhaft ausgeschlossen, die schlechte: Sollten wir Menschen helfen wollen, mussten wir ein Jahr abstinent leben. Wir waren gleichberechtigt – fast.

Fast ist in diesem Zusammenhang ein fatales Wort. Immer wieder taucht dieses Modaladverb auf, es ist eine Erzählung der Annäherung, eine, die immer kurz davor ist, das Gefühl zu haben, etwas läuft richtig, um es dann doch nicht komplett zu vollenden.

Es wäre denkbar gewesen, schon damals die Richtlinie mit einem Achselzucken hinzunehmen, einfach ein Jahr auf Körperkontakt zu verzichten, um dann endlich Blut spenden zu dürfen – vorausgesetzt, es wäre den Personen überhaupt so wichtig. Eine andere Strategie hätte auch lauten können: Ihr wollt unser Blut nicht? Dann sterbt halt!

Aber: Was zwischen den Zeilen dieser Bestimmung lesbar wurde, war eine Botschaft, die uns seit jeher begleitet: Unser Leben gehört sich nicht, es birgt ein Risiko, der Tod lauert immer, weil wir irgendwie falsch sind. Seit den Achtzigerjahren waren wir sowieso die ganze Zeit mit der Paranoia einer HIV-Infektion beschäftigt, wir hatten Angst, weil wir potenziell in Gefahr lebten, jeder Sexualakt immer ein Risiko mit sich trug, wir hatten ständig nach dem Orgasmus den Gedanken, der Tod würde uns früher oder später heimsuchen. Wir haben immer noch Angst!

Kurzer Einschub: Wenn ich in diesem Text „Wir“ schreibe, schließe ich dabei auch die Menschen ein, die jahrzehntelang ausgeschlossen wurden: Menschen, die kein Blut spenden durften. Menschen, die von der Gesellschaft missachtet wurden, die immer noch als Outsider geächtet werden, als nicht „normal“, so als ob Normalität eine gültige Kategorie sei.

2400 Neuinfektionen in Deutschland

Ich kenne die Zahlen der HIV-Neuinfektionen in Deutschland, sie sind mir bekannt, seitdem ich ein Jugendlicher bin, ich studiere sie jedes Jahr. Für das Jahr 2018 schätzt das Robert Koch-Institut 2400 Neuinfektionen in Deutschland, davon 1600 in der Kategorie Sex zwischen Männern (2013 waren es noch 2200 Männer).

Beim Blutspenden müssen folgende Fragen in einem Bogen beantwortet werden:

Gehören oder gehörten Sie zu einer der folgenden Personengruppen?

  • Heterosexuelle Personen mit häufig wechselnden Partnern?
  • Männer, die Sexualverkehr mit Männern haben oder hatten?
  • Personen, die Sexualverkehr gegen Geld oder andere Leistungen (z.B. Drogen) anbieten oder angeboten haben („männliche und weibliche Sexarbeiter“)?
  • Transsexuelle Personen mit sexuellem Risikoverhalten?

Es folgt ein Beratungsgespräch, bei dem die Ärztin oder der Arzt diese Fragen noch mal explizit stellen können, ob sie es tun, bleibt ihnen überlassen. In Deutschland wird explizit in dem Fragebogen zwischen heterosexuellen Menschen und Männern, die Sex mit Männern haben, unterschieden.

In einigen europäischen Ländern sieht das anders aus: In Portugal, Italien, Bulgarien, Lettland, Polen und Spanien gibt es keinen Unterschied in dem Fragebogen; in mehreren EU-Staaten, unter anderem in Österreich, werden Männer, die mit Männern Sex hatten, komplett ausgeschlossen. Auch die „Karenzzeit“ variiert, in Deutschland ist es ein Jahr, in Kanada sind es drei Monate, in Frankreich werden es ab 2020 vier sein.

Heute kann eine HIV-Infektion bereits sechs Wochen nach dem letzten Risiko sicher ausgeschlossen werden. Die Festlegung auf ein Jahr in Deutschland wirkt da etwas willkürlich – gleichzeitig bleibt es eine Sache des Vertrauens, denn niemand kann kontrollieren, ob wir beim Fragebogen überhaupt die Wahrheit sagen.

Keine hundertprozentige Sicherheit

Es geht allein um die Sicherheit der Empfänger der Blutspende, so lautet das Argument vom Paul-Ehrlich-Institut, das gemeinsam mit der Bundesärztekammer für die Blutspende-Vorgaben zuständig ist: „Wenn aus einer homosexuellen Partnerschaft jemand fremdgeht, dann eben innerhalb dieser relativ kleinen Bevölkerungsgruppe mit einem erhöhten HIV-Risiko. Dann ist die Wahrscheinlichkeit, sich anzustecken, höher.“ Statistisch mag es ein valides Argument sein, aber es sind eben nach den Schätzungen des Robert Koch-Instituts auch 620 Neuinfektionen im Jahr 2017 von „heterosexuellen Kontakten“ hinzugekommen. Die werden offenbar stillschweigend in Kauf genommen.

Niemand kann eine hundertprozentige Sicherheit beim Blutspenden garantieren, das ist die Wahrheit, so schmerzhaft sie für einige sein wird. Je eher wir alle das akzeptieren, umso mehr kann die Gesellschaft aufhören, einige Menschen mit Scham zu belegen und andere nicht. Die Scham begleitet uns ohnehin unser ganzes Leben, es kostet viel Mühe, sich diese nicht überzustreifen, sie nicht in unsere Körper eindringen zu lassen. Einige schaffen es, sich von der Scham zu befreien, andere tragen lebenslang ihre Narben (sichtbare und unsichtbare) mit sich herum.

Warum ich das alles erwähne? Weil es ohne die Zahlen, ohne die Angst, nicht geht. Und weil ich Geschichte nicht in einer Kontinuität betrachte, nach dem Motto: Früher war alles schlecht, jetzt ist alles besser. Wir wollen vielleicht glauben, dass sich zum Beispiel mit der „Ehe für alle“ alle Probleme erledigt haben (ich tue es nicht), aber selbst, wenn wir es glauben sollten, holt uns das Verbot der Blutspende eben sofort in die Realität zurück. Und in der beruht unsere ganze Gesellschaft nach wie vor auf einem uralten, tradierten Familienmodell: heterosexuell, verheiratet, mit zwei Kindern, monogam, unbefristeter Arbeitsvertrag. Das soll die Norm sein. Die Norm existiert, sie lebt, sie bleibt gesund.

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