John Bargh: Vor dem Denken – Wie das Unbewusste uns steuert

„Das Unbewusste wirkt sich stark und oft unsichtbar auf unser Verhalten aus, manchmal sogar auf furchterregende Weise. Es prägt nicht nur die Menschen, die wir gerade sind, sondern auch unser zukünftiges Ich und die Ziele, die wir erreichen werden.“

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Das Unbewusste ist ein Autopilot

Wir können uns nicht einmal aktiv an unsere entscheidenden Prägungen der ersten Lebensjahre erinnern. Das Unbewusste arbeitet wie ein Autopilot. Studien ergaben, dass auch sich für rational haltende Studenten positiver über Menschen sprechen, wenn sie währenddessen eine Tasse warmen Kaffee in der Hand halten statt ein kaltes Getränk. Kleinkinder saugen kulturelle Einflüsse auf, ohne dass ihnen das später bewusst ist und graben diese so tief ein, dass sie als Erwachsene sogar darauf zurückfallen, wenn sie diese bewusst ablehnen.

Evolutionärer Drang in der modernen Welt

Menschen sind, so Bargh, mit inneren Antrieben ausgestattet, die sich in sehr frühen Perioden unserer Evolutionsgeschichte entwickelten. Das Bewusstsein stehe nicht im Zentrum unseres Handelns, sondern wir würden weitgehend unbewusst funktionieren. Der stärkste evolutionäre Drang, uns körperlich zu schützen und zu überleben, präge unsere Handlungen wie Überzeugungen – und der sei unbewusst. So träfen wir unsere Entscheidungen im Bruchteil von Sekunden. Das sei sinnvoll, da bewusstes Denken und Handeln in Extremsituationen der Evolution zu langsam gewesen wäre. Doch dieses unbewusste Denken und Handeln hat Fallstricke, da es zu objektiv falschen Vorstellungen und Stereotypen führt, so Bargh.

Unsere technische Entwicklung verläuuft laut Bargh viel schneller als unsere evolutionär-biologische Anpassung: „So gerät leicht die Tatsache aus dem Blick, dass unsere unbewussten Neigungen in einer weit gefährlicheren und lange zurückliegenden Welt geformt und dieser angepasst wurden, einer Welt, in der extreme Kälte und Hitze, Dürren und Hungersnöte, feindliche Mitmenschen und wilde Tiere, schädliche Bakterien und giftige Pflanzen das Leben bedrohten.“

Politische Werte und evolutionäre Ziele

Deshalb sei das Bedürfnis nach Sicherheit fundamental und habe mächtigen Einfluss auf unsere Werte, Normen und Handlungen auch im modernen Leben. Dies mache sich zum Beispiel in politischen Wahlen bemerkbar. So hätten Roosevelt ebenso wie Obama Barack die Angst vor gesellschaftlichem Wandel überwinden wollen. Laut Bargh würden Menschen konservativer und lehnten Veränderungen ab, wenn sie sich bedroht fühlen. Es sei viel leichter, einen Liberalen in einen Konservativen zu verwandeln als umgekehrt. Studien hätten gezeigt, dass man einen Liberalen zu konservativen Einstellungen bewegen könne, indem man ihm Angst einjage. Umgekehrt führte ein Experiment, bei dem Probanden in einem Spiel imaginiert körperlich unverletzbar waren, dazu, dass sich konservative Einstellungen hin zu liberalen wandelten.
Historiker hätten festgestellt, dass der Glaube, die Gesellschaft verändere sich zum schlechteren, eine Konstante sei, bei Griechen wie bei Azteken. Da sich die Welt, objektiv gesehen, nicht ständig zum schlechteren verändere, könne der Grund für diese Vorstellungen kein objektiver sein. Wir würden innere Transformationen von der Kindheit zur Jugend zum Altern für äußere Veränderungen halten. Dabei seien wir uns aber nur im Moment der Gegenwart über unseren emotionalen Zustand im Klaren. Emotionen zögen unser Bewusstsein auf sich und hielten sie fest. Ältere Erinnerungen seien zum Großteil mit starken Emotionen verbunden.

Wahrheit und Emotion

Jüngste Vergangenheiten würden zu fernen Vergangenheiten und blieben im Gedächtnis, weil sie damals unsere Aufmerksamkeit auf sich gezogen und starke Emotionen ausgelöst haben – mit Objektivität habe das wenig bis nichts zu tun. Das, was wir für Wahrheit hielten, sei abhängig von unseren Emotionen, wenn wir zum Beispiel erst wütend sind und dann ruhiger werden.

Heutige gesellschaftliche Motive und Handlungen basierten auf unbewussten, evolutionären Zielen und stünden in deren Diensten. Laut Bargh sollten wir unser Bauchgefühl deshalb bewusst überprüfen und, wenn dazu keine Zeit ist, zumindest keine großen Risiken für kleine Ziele eingehen, wenn unser Bauchgefühl dies empfiehlt.

Evolutionäre Ängste prägen die Weltsicht

Deutlich zeigte sich die Bedeutung des Unbewussten zum Beispiel in einer Studie über die Einschätzung von Kriminalität der letzten acht Jahre unter 1800 US Bürgern. Während Befragte, die in dieser Zeit Kinder bekommen hatten, dachten, die Kriminalität habe sich erhöht, meinten diejenigen, die keine Kinder bekommen hatten, sie sei gesunken. Durch die Babys war die Angst um die Sicherheit des Kindes in den Mittelpunkt gerückt, während die Kinderlosen diese Angst nicht hatten. Kinder vor potenziellen Gefahren zu schützen, macht Eltern wachsam, und diese Verantwortung überträgt sich auf ihre Weltsicht, so Bargh.

Einkaufen und Emotionen

Emotionale Zustände im Unbewussten wirken sich laut Bargh darauf aus, welchen Preis wir für eine Ware bezahlen. Wir würden einem Objekt mehr Wert beimessen, wenn wir es selbst besitzen. Ekeln wir uns vor einem Objekt, würden wir es zu einem niedrigeren Preis als üblich verkaufen, um es loszuwerden. Traurige seien bereit, für die gleichen Gegenstände mehr Geld auszugeben als Menschen, die nicht traurig sind. Kaufen helfe Traurigen auch, sich besser zu fühlen. Dies zeige sich daran, dass Antidepressiva auch zu einer Mäßigung beim Kaufen führen.

Gedächtnis

Das menschliche Gedächtnis ist, laut Bargh, nicht nur fehlbar. Es lässt sich sogar von jüngsten Erfahrungen täuschen, zum Beispiel dadurch, dass wir einen Namen in den Stunden zuvor häufig hörten. Eine Studie belegte, dass Ehepartner die eigenen Arbeiten im Haushalt weit höher einschätzten als die des anderen, allein deshalb, weil sie keine Erinnerung daran hatten, was der andere tat, während sie außer Hauses waren und sich an ihre eigene Tätigkeit erinnerten. Dies sei ein Punkt häufiger Streitigkeiten: „Ich weiß noch genau, dass ich es vorige Woche gemacht habe.“

Die Vergangenheit werde zu einem fremden Land, das wir gerne verklären. Fast jede Generation glaube, Kunst, Musik, Arbeitsmoral seien nicht so gut wie früher, die Kinder verwöhnter, es gäbe mehr Verbrechen etc. – Vergangenheit heißt Bargh zufolge nicht nur individuelles Gedächtnis: „Es ist die Vergangenheit – die frühe Vergangenheit unserer Spezies, unsere einzigartige Vergangenheit als Kleinkind, an die wir uns nicht mehr erinnern, und unsere jüngste Vergangenheit, die sich gerade in den Rückspiegel unseres Tages zurückzieht.“

Die verborgene Gegenwart

Selbst bei Korsakow-Patienten gibt es eine unbewusste Erinnerung. Während sie sich bewusst an Geschehnisse der jüngsten Vergangenheit nicht erinnern können, speichert ihr Körper Erinnerungen an unangenehme Reize. So zeigten Patienten mit Korsakow-Syndrom die gleichen Muster von Zu- oder Abneigung wie Menschen ohne diese Störung, obwohl sie wenig oder gar keine Erinnerung an Menschen und bzw. oder Objekte haben. Das Beispiel der Korsakow-Patienten zeige einen grundlegenden Mechanismus: „Während unsere bewusste Aufmerksamkeit oft anderweitig absorbiert ist, hilft uns dieser unbewusste Kontrollprozess zu entscheiden, was wir annehmen und was wir ablehnen, wann wir bleiben und wann wir gehen.“

Unsere Einordnungen würden hinauslaufen auf gut oder schlecht, stark oder schwach, aktiv oder passiv. Am wichtigsten sei die Bewertung in gut oder schlecht, dann die Potenz und als drittes die Vitalität. In der Evolution hätten wir als erstes wissen müssen, ob etwas da draußen gut oder schlecht für uns sei. Wäre zum Beispiel dem Steinzeitmann Ötzi ein Fremder begegnet, hätte er zuerst einschätzen müssen, ob er gut (Freund) oder böse (Feind) war, dann wie stark und letztlich wie schnell und gesund er war. Die elementaren Mechanismen, sich bei für sie „gutem“ zu nähern und für sie „schlechtem“ zurückzuweichen, hätten alle Tiere. Und sie gelten auch für den Menschen: „Jeder von uns trägt noch heute die Relikte der gesamten Evolutionsgeschichte unserer Spezies mit sich.“

Effekt des bloßen Kontakts

Je öfter wir etwas begegneten, umso positiver finden wir es, schreibt Bargh und erläutert auch den Sinn darin. Je öfter wir Dinge sehen, die uns nicht schaden, umso sicherer stellen diese für uns keine Gefahr da. Stört aber etwas die uns bekannte Ordnung, setzt dieser Effekt sofort aus.

Hilflos ausgeliefert?

Ironischerweise führe gerade die Vorstellung eines Menschen, rational zu handeln, dazu, dass das Unbewusste umso stärker wirken kann. Akzeptieren wir hingegen, keinen wirklich freien Willen zu haben, könnten wir unsere Handlungen in der Realität hingegen besser kontrollieren. So könnten wir unsere unbewussten Kräfte produktiv nutzen, indem wir zum Beispiel unsere Umgebung verändern.

Veränderung der Umwelt

Der beste Weg, um das Verhalten zu ändern, bestünde darin, die Umwelt zu verändern. Wenn sich ein Mensch gute Angewohnheiten aneignen möchte und schlechte abstellen, dann sollte er die Reize und Gelegenheiten, die die schlechten Gewohnheiten stützten, aus seiner Umgebung entfernen. Effektive Selbstkontrolleure würden beim Einkaufen die ungesunden Snacks liegen lassen, und wenn sie den Alkohol reduzieren möchten, würden sie die Hausbar nicht auffüllen. Menschen mit guter Selbstkontrolle könnten Versuchungen nicht im engen Sinne besser wiederstehen als andere, sondern würden sich diesen weniger aussetzen. Echte Selbstkontrolle sei mit dem Einsatz von weniger Willenskraft und Anstrengung beim Ausführen der gewünschten Handlungen verbunden.

Selbstkontrolle heißt: Im Voraus erledigen

Menschen mit guter Selbstkontrolle würden ihr Leben im Voraus erledigen. Denn sie setzten unbewusste Mittel ein, um sich selbst zu regulieren und würden „notwendige Übel“ wie Sport, gesunde Ernährung oder Studium zu einem alltäglichen Teil des Lebens machen – bewusste Selbstkontrolle sei hingegen zu anstrengend und zu unzuverlässig, und anfällig für Rationalisierungen („ein Stück Kuchen pro Tag schadet doch nichts“) und Ausreden („Ich hatte einen harten Tag und muss mich nach der Arbeit einfach entspannen“).

Gewöhnung wird zum Unbewussten

Der Einsatz äußerer Reize zur Kontrolle unerwünschter Impulse und unerwünschten Verhaltens sei ein machtvolles Instrument, das erhebliche Veränderungen der Lebensweise bewirken könne. Sobald ein gewünschtes Verhalten eingeübt sei, werde es zur neuen Angewohnheit und zur neuen Routine. Die ersten Wochen seien am schwersten, dann laufe das Ganze routinemäßig ab. Bargh zitiert den Sportler Dr. George Sheehan: „Der Körper will dasselbe tun wie gestern. Wenn Sie gestern gelaufen sind, will er auch heute laufen. Wenn nicht, will er es nicht.“

Das Setting bestimme unser Verhalten mit Abstand am stärksten. In der Kirche seien wir leise, beim Abendessen außer Haus gesprächig, beim Footballspiel laut und ausgelassen. Beim Schnellimbiss würden wir das Essen am Tresen bestellen, in einem schicken Restaurant warten wir, bis wir zu einem Tisch geführt werden.

Wir können das Unbewusste nutzen

Der Psychologe schließt: „Indem wir die Saiten unseres Geistes mit unseren Intentionen stimmen, können wir unsere Gesundheit, unseren Seelenfrieden, unsere berufliche Laufbahn und unsere Beziehungen grundlegend verbessern.“ (Dr. Utz Anhalt)

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