Wenn Gallensteine raus müssen, wird in neun von zehn Fällen minimal-invasiv operiert

Gallensteine haben viele Menschen, aber nicht jeder bemerkt sie. Entfernt werden sollten sie, wenn sie Beschwerden bereiten. 200.000 Deutsche müssen sich daher jedes Jahr ihre Gallenblase entfernen lassen. Der Eingriff ist heute unkompliziert.

„Die Galle läuft ihm über“ oder „Die Galle kommt ihr hoch“: Kaum ein Organ wird so häufig mit negativen Emotionen in Verbindung gebracht wie die Galle. Dabei hat sie eine überaus wichtige Funktion: Ihr zähflüssiges Sekret sorgt für eine reibungslose Verdauung von Fetten.

„Über ein halber Liter Gallensaft entsteht in der Leber pro Tag“. Das sagt Prof. Frank Lammert vom Universitätsklinikum des Saarlandes in Homburg. Die Gallenflüssigkeit besteht größtenteils aus Wasser, aber auch aus Cholesterin, Kalk und Pigmenten. Geraten die Stoffe in ein Ungleichgewicht, bilden sich Kristalle. Es entstehen Gallensteine.

Die meisten Gallensteine machen sich nie bemerkbar

„Gallensteine bestehen überwiegend aus Cholesterin“, erklärt Lammert, der auch Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselerkrankungen (DGVS) ist. Nicht immer sorgen Gallensteine für Beschwerden. „Rund 75 Prozent der Betroffenen merken gar nichts“, so der Mediziner. Allerdings kann sich das auch schnell ändern. Gefährlich werden dann vor allem kleine Steinchen, wenn sie in den Gallengang gespült werden und dort hängenbleiben.

 

 „Im Gallengang festsitzende Steine können Entzündungen der Gallenblase und der Bauchspeicheldrüse verursachen“, erklärt Lammert. Bei Nichtbehandlung drohen schwere Schäden der Leber, Blutvergiftung oder Gelbsucht.

Übergewicht und mangelnde Bewegung begünstigen die Entstehung von Gallensteinen. Wer erst rapide abnimmt und dann wieder zulegt, läuft ebenfalls Gefahr, dass sich Gallensteine bilden. Frauen sind eher betroffen als Männer. „Rund 25 Prozent aller Gallensteinträger sind erblich vorbelastet“, sagt Lammert.

Bei schmerzhaften Koliken ist eine Gallen-OP ratsam

Bemerkbar machen sich Gallensteine durch Schmerzen im Oberbauch, Völlegefühl oder Übelkeit. Die Beschwerden treten oft nach einer üppigen Mahlzeit auf. Oder der Magen-Darm-Trakt reagiert auf bestimmte Nahrungsmittel. Oft sind das Kaffee, gebratene Speisen, Hülsenfrüchte oder Zwiebel.

Sehr schmerzhaft wird es, wenn es nach einer Mahlzeit zu einer Gallenkolik kommt:  heftige auf- und abschwellenden Schmerzen im rechten Oberbauch die auch in den Rücken und die rechte Schulter ausstrahlen und zum Teil stundenlang anhalten.

Eine Kolik wird meist durch einen Stein verursacht, der in den Gallengang gerutscht ist: Die Gallenblase kann sich nicht richtig entleeren und zieht sich immer wieder zusammen, um das Hindernis aus dem Weg zu schaffen.

Treten die Beschwerden öfter auf, müssen die Steine entfernt werden. Sie können mit Stoßwellen zertrümmert werden. Allerdings bilden sich danach oft neue Gallensteine. Auch Medikamente helfen mitunter. Am häufigsten wird die Steinsammlung mitsamt der Gallenblase entfernt. Das geschieht in Deutschland immerhin 200.000 Mal jedes Jahr.

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Die endoskopische Gallenblasen-OP ist heute Standard

Bei über 90 Prozent wird die Gallenblase minimal-invasiv entfernt. Professor Georg Kähler, Leiter der Zentrale für interdisziplinäre Endoskopie am Uniklinikum Mannheim, sagt: „Die Entfernung der Gallenblase ist die Paradedisziplin der minimal-invasiven Chirurgie. Es war der erste Eingriff, bei dem die alternative Technik zum Standard wurde.“

Bei dieser klassischen minimal-invasiven Operation im Bauchraum (Laparoskopie) werden drei bis vier starre Hülsen, die sogenannten Trokare, durch kleine Schnitte in der Bauchdecke zum Operationsort geschoben. Darin befinden sich die Instrumente, etwa Zange, Laser oder Elektroschere. Die Schneideinstrumente veröden sofort Blutgefäße. Eine der Röhren enthält die Optik: eine stark vergrößernde Mini-Kamera mit hellem LED-Licht. Was sie aufnimmt, sieht das Operationsteam auf dem hochauflösendem Monitor. Der Chirurg bewegt die Instrumente mit scherenähnlichen Griffen. Das Endoskop bedient die Assistenz. Für optimale Sicht und Bewegungsfreiheit der Gerätschaft wird der Bauchraum zu Beginn der OP mit Kohlendioxid aufgeblasen.

Nach der OP ist der Patient schnell wieder fit

Die Gallenblase wird Millimeter für Millimeter freigelegt und dann wie ein schlaffer Luftballon mitsamt den Steinen über einen der Trokare rausgeholt. Meist nutzen die Chirurgen dafür eine sogenannten Bergebeutel. Die kleinen Schnitte sind schnell vernäht, verklebt und verpflastert. Sie werden später kaum mehr sichtbar sein. Normalerweise kann der Patient das Krankenhaus schon nach wenigen Tagen verlassen. Professor Kähler sagt: „Mit den schonenden Methode können wir auch alte Patienten operieren, an die wir uns früher nicht mehr herangewagt hätten.“

Der große Skalpell-Schnitt durch die Bauchdecke ist heute nur noch selten nötig, etwa wenn Verwachsungen oder Narben durch einen früheren Eingriff vorhanden sind das OP-Gebiet dadurch unübersichtlich. Wird diese Einschränkung missachtet, kann es zu Komplikationen führen.

Vermisst wird die fehlende Gallenblase vom Körper übrigens nicht: Der Gallensaft fließt einfach direkt von der Leber in den Darm. Die Verdauung passt sich den neuen Verhältnissen schnell an.


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