Corona-Impfstoffe „zu 95 Prozent wirksam“: Was bedeutet das überhaupt? – Heilpraxis

Unstatistik des Monats klärt über Wirksamkeit auf

Bei den kommenden Corona-Impfstoffen wird von einer 95-prozentigen Wirksamkeit gesprochen. Viele Menschen denken, dass dies bedeutet, dass von 100 Personen 95 geschützt sind und fünf nicht. Diese Ansicht wurde auch in verschiedenen Medien verbreitet. Statistik-Fachleute erklären, wie diese Angabe wirklich zu interpretieren ist.

Statistikerinnen und Statistiker des RWI – Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung e.V. klären in der Reihe „Unstatistik des Monats“ darüber auf, was hinter der Wirksamkeitsangabe bei den Corona-Impfstoffen steckt, wie diese errechnet werden und was der Unterschied zwischen einer absoluten und einer relativen Risikoreduktion ist.

Irreführende Wirksamkeitsangabe

Das deutsche Unternehmen BioNTech und andere Hersteller wie Moderna (USA) berichten, dass ihre neuen Impfstoffe gegen das Coronavirs SARS-CoV-2 zu 95 Prozent wirksam seien. Schnell entsteht hier der Eindruck, dass dies ein absoluter Wert sei, also 95 Prozent der Geimpften können sich nicht anstecken, fünf Prozent aber schon. Dies ist nicht der Fall, sagen die Expertinnen und Experten des Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung.

Was bedeutet relative Risikoreduktion?

Die RWI-Fachleute verdeutlichen die Wirksamkeit an einem einfachen Beispiel: Bei der Grippeschutzimpfung liegt die Wirksamkeit in Abhängigkeit von der jeweiligen Influenza-Saison in manchen Jahren nur bei 50 Prozent. Das heißt nicht, dass jede zweite Person, die sich impfen lässt, trotzdem die Grippe kriegt. Dieser Wert steht im Verhältnis zu der Personengruppe, die sich nicht geimpft hat. Wenn also von 100 ungeimpften Personen zwei Menschen an Grippe erkranken, erkrankt in der gleichen Anzahl von geimpften Menschen nur eine Person an Influenza. Das Risiko an Influenza zu erkranken, wird in dem Beispiel durch die Impfung halbiert, also spricht man von einer Wirksamkeit von 50 Prozent.

Wie berechnet sich die Wirksamkeit des Corona-Impfstoffes?

Die relative Risikoreduktion vergleicht also zwei Gruppen miteinander und gibt keinen absoluten Schutzwert an. Wie aus dem Studienprotokoll des Konzerns Pfizer hervorgeht, wurde die Wirksamkeit des Corona-Impfstoffes folgendermaßen berechnet: Der Anteil der COVID-19-Fälle in der Impfgruppe wurde durch den Anteil der COVID-19-Fälle in der Kontrollgruppe dividiert. Dieser Wert wurde von 1 abgezogen und mit hundert multipliziert, so dass eine Prozentangabe entsteht.

Insgesamt nahmen rund 43.000 Probandinnen und Probanden an der klinischen Phase III-Studie mit dem neuen Impfstoff teil. Die Hälfe der Teilnehmenden erhielt tatsächlich den Corona-Impfstoff, die andere Hälfte ein Placebo. Dann wurde geschaut, zu wie vielen Infektionen es in beiden Gruppen kommt. Auf acht COVID-19-Fälle in der Gruppe der Geimpften kamen 156 Fälle in der Placebo-Gruppe. Somit liegt die relative Risikoreduktion in der Impfgruppe bei 95 Prozent gegenüber der Placebo-Gruppe – wodurch der Impfstoff „zu 95 Prozent wirksam“ ist.

Zusammenfassung

Wie die Statistikerinnen und Statistiker des RWI verdeutlichen, bezieht sich die Wirksamkeit nicht auf eine absolute Schutzangabe, sondern der Wert gibt die relative Risikoreduktion zu nicht-geimpften Personen an. Diese Angabe sagt laut RWI derzeit nichts darüber aus, wie schwer die verbleibenden Erkrankungen sind oder ob es zu einer Reduktion von Todesfällen kommt. Dies sei zwar wahrscheinlich, müsse aber erst in kommenden Studien überprüft werden. (vb)

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