Impf-Debakel spitzt sich weiter zu: Die 6 größten Probleme der deutschen Impfstrategie

Die Impfungen gehen in Deutschland schleppend voran: 367.331 Menschen haben sich bislang gegen Covid-19 impfen lassen. In anderen Ländern sind es wesentlich mehr. Woran hapert es? FOCUS Online nennt die größten Baustellen.

1. Noch keine Impfung zuhause möglich

In Alten- und Pflegeheimen sind seit Ende Dezember sogenannte mobile Teams unterwegs, die Bewohner und Personal mit dem Vakzin von Biontech impfen. Doch nur rund 730.000 Menschen leben hierzulande in einer solchen Einrichtung. Die meisten Ü-80-Jährigen (rund 5 Millionen) wohnen zuhause und profitieren dort noch nicht von dem mobilen Service.

In vielen Bundesländern müssen alte Menschen, die nicht in einem Pflegeheim wohnen, warten, bis die mobilen Teams ihre Arbeit dort beendet haben. Erst dann dürfen sie einen Termin in einem Impfzentrum vereinbaren – das könnte bis Anfang Februar dauern. Doch was ist mit bettlägrigen Menschen, die ihre Wohnung nicht verlassen können? Oder denjenigen, für die eine Fahrt zum nächsten Impfzentrum zu teuer oder beschwerlich ist? In Zukunft sollen mobile Teams auch Hausbesuche machen. Wann es so weit ist, bleibt jedoch unklar und wird von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich sein.

So heißt es etwa in einer Pressemitteilung des Hessischen Ministeriums des Innern und für Sport: "Es wird aufgrund der geringen Impfmengen noch einige Wochen in Anspruch nehmen, bis Hausbesuche durch mobile Impfteams in Hessen landesweit erfolgen können." Das Ministerium für Soziales und Integration Baden-Württemberg erklärt: "Aufsuchende Impfungen bei pflegebedürftigen Menschen in der eigenen Häuslichkeit sind derzeit aufgrund der begrenzten Verfügbarkeit des Impfstoffs noch nicht möglich."

In Nordrhein-Westfalen lautet die Begründung: "Der derzeit zur Verfügung stehende Impfstoff ist ausgesprochen empfindlich, er kann nicht von Haus zu Haus transportiert werden." Wer die eigene Wohnung nicht verlassen könne, müsse daher "leider Geduld haben".

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2. Mobile Teams kommen nur langsam voran

"Mit der Entscheidung, zuerst in Pflegeheimen zu impfen, war klar, dass es langsamer losgeht. Dort müssen mobile Teams eingesetzt werden, das ist aufwändiger als im Impfzentrum", gibt Gesundheitsminister Jens Spahn in der "Rheinischen Post" zu.

Die Teams holen den Impfstoff am zentralen Impfzentrum ab und fahren dann damit zu den Pflegeheimen. "Je nachdem wohin wir müssen, sind wir bis zu eineinhalb Stunden unterwegs", sagt Lisa Federle, Präsidentin des Deutschen-Roten-Kreuz-Kreisverbandes Tübingen gegenüber "Bild.de". Ihr fünfköpfiges Team besorgt das Vakzin an der Uniklinik in Tübingen und fährt damit auch mal bis zum Bodensee in ein Pflegeheim.

Wesentlich schneller werden die Massenimpfungen in den Impfzentren vorangehen. Deutlich kürzer wäre der Weg vom Vakzin zum Patienten, wenn zudem eine Impfung beim Hausarzt möglich wäre. Entsprechende Überlegungen gibt es bereits, noch wolle man die Praxen aber entlasten und gewährleisten, dass dort weiterhin andere Patienten versorgt werden können, erklärt Spahn. Außerdem müssten sich die Praxen erst auf die speziellen Anforderungen der Impfstoffe vorbereiten – etwa die Lagerung des Biontech-Vakzins bei minus 70 Grad.

3. Knapper Impfstoff in Deutschland

"Noch ist der limitierende Faktor der knappe Impfstoff. Wir werden am Anfang Geduld miteinander aufbringen müssen", sagt Gesundheitsminister Spahn der "Rheinischen Post". 150.350 Dosen des Biontech-Vakzins wurden zum Impfstart in Deutschland verteilt. Jedes Bundesland erhielt 9700 Dosen – mit Ausnahme von Bremen, das 4850 Dosen bekam.

Weil nicht genügend Impfstoff vorhanden war, konnte beispielsweise in Berlin zum Impfstart erst eins von sechs Zentren in Betrieb gehen. Das Gesundheitsreferat in München verschickte am 29. Dezember 2020 Briefe an die ältere Bevölkerung mit dem Hinweis: "Da zu Beginn der Impfstoff nicht in der Menge verfügbar ist, um gleichzeitig alle Menschen einer Prioritätsgruppe zu impfen, möchten wir Sie um etwas Geduld bitten. Sie brauchen sich zunächst nicht selbständig um einen Impftermin kümmern. Wir kontaktieren Sie, sobald ein Impftermin vereinbart werden kann."

Die Distribution des Impfstoffs regelt jedes Bundesland selbst – und äußerst unterschiedlich. So ging in Nordrhein-Westfalen der Impfstoff bevorzugt an Orte, an denen besonders viele Menschen über 80 Jahren leben. Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein verteilten die Dosen rein nach Einwohnerzahl, ohne die Altersstruktur zu beachten. In Hessen wurde vor allem an Alten- und Pflegeheime sowie Krankenhäuser verteilt.

4. Erschwerter Zugang zu Informationen

Ein weiteres Problem, das vor allem die ältere Generation trifft: Während sich Menschen mit Internetzugang im Netz darüber informieren können, wo sich das nächste Impfzentrum befindet, welche Personengruppen sich derzeit impfen lassen dürfen, und je nach Region auch Termine online vereinbaren können, ist der Zugang zu solchen Informationen für ältere Menschen ohne Internet schwieriger.

Briefe mit einer expliziten Einladung zur Impfung wurden nur in manchen Bundesländern verschickt, etwa in Berlin, Bremen und Mecklenburg-Vorpommern. Die meisten Bundesländer haben auf eine solche Kontaktaufnahme verzichtet, die gerade für Menschen ohne Internetzugang wichtig wäre.

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5. Teils Zurückhaltung beim Pflegepersonal

Ärzte und Pfleger haben Vorbildcharakter. Ob sich ein Pfleger gegen Covid-19 impfen lässt oder nicht, könnte durchaus die Entscheidung der von ihm betreuten Personen beeinflussen. In Houston, Texas, ist man über die Zurückhaltung des Pflegepersonals offenbar so besorgt, dass Mitarbeitern bereits eine Prämie von 500 Dollar in Aussicht gestellt wird, wenn sie sich impfen lassen.

Hierzulande sei die Impfbereitschaft beim Pflegepersonal sehr unterschiedlich, sagt Bernd Meurer, der Präsident des Bundesverbands privater Anbieter sozialer Dienste. "Wir haben Einrichtungen, wo sich fast 100 Prozent der Mitarbeiter impfen lassen. Und das reicht bis hin, dass sich zwei Drittel nicht impfen lassen." Es sei im Moment schwer, ein klares Bild zu zeichnen.

Gegen Corona wollten sich im Dezember in Deutschland rund 73 Prozent der Ärzte und knapp 50 Prozent der Pfleger in Deutschland impfen lassen. Das ergab eine Umfrage der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN) und der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi), über deren Ergebnisse das "Deutsche Ärzteblatt" berichtet hatte. Diese Zahlen könnten bereits überholt sein, trotzdem stimmen sie nachdenklich.

Das medizinische Personal sei nachweislich der wichtigste Ansprechpartner für die Impfentscheidung, sagt die Betriebsärztin des Frankfurter Uniklinikums, Sabine Wicker, die auch Mitglied der Ständigen Impfkommission ist. "Ich sage immer 'Schlecht geimpfte Ärzte haben schlecht geimpfte Patienten' – denn wenn das medizinische Personal für sich selbst keine Impfindikation sieht, warum sollte es dann die Impfung den von ihm betreuten Patienten empfehlen?"

6. Junge Risikogruppe fühlt sich vernachlässigt

Eine vom Bund beschlossene Verordnung regelt offiziell, wie der neue Corona-Impfstoff verteilt werden soll. Der von Gesundheitsminister Jens Spahn vorgestellte Plan unterscheidet drei Impfgruppen:

  • Gruppe 1 ("höchste Priorität"): Über 80-Jährige, Hochbetagte und pflegebedürftige Menschen, aber auch medizinisches Personal auf Intensivstationen, in Notaufnahmen, im Rettungsdienst sowie Personal im ambulanten Pflegebereich
  • Gruppe 2: Personen ab 70 Jahren, Demenzkranke, Menschen mit Trisomie 21 und Transplantationspatienten, Bewohner von Obdachlosen- oder Asylbewerberunterkünften und enge Kontaktpersonen von Pflegebedürftigen
  • Gruppe 3: Über 60-Jährige, chronisch Kranke, Menschen "in besonders relevanter Position in staatlichen Einrichtungen" sowie Erzieher, Lehrer und Mitarbeiter im Einzelhandel

Junge Menschen mit einer Behinderung zählen demnach zu Gruppe 3. Sie sind an der Reihe, wenn Impfwillige aus Gruppe 1 und 2 das Vakzin erhalten haben. Das ist manchen Betroffenen zu spät. Tom Förster hat daher einen Offenen Brief an Gesundheitsminister Jens Spahn geschrieben, als die Priorisierung bekannt wurde. Der 23-Jährige leidet an Muskeldystrophie Duchenne, seine Lungenfunktion ist geschwächt.

"Mit Besorgnis habe ich den Entwurf der ständigen Impfkommission zur Priorisierung der Impfung gegen Covid-19 zur Kenntnis genommen", schreibt Förster. "Hier wird eine Hochrisikogruppe gar nicht erwähnt. Nicht nur ältere Menschen und Bewohner*innen von Pflegeheimen sind dringend auf eine frühzeitige Impfung angewiesen, auch eine Vielzahl von Menschen die im häuslichen Rahmen ambulant oder durch persönliche Assistenz/Angehörige gepflegt werden. Ich bin einer davon." Menschen mit einer Muskelerkrankung sollten ebenfalls "eine hohe Priorität beim Impfen haben".

Laura Gehlhaar leidet ebenfalls an einer Muskelerkrankung. Bei "Welt.de" sagt die 37-Jährige, sie sei "sehr darauf erpicht, die Impfung gegen Covid-19 zu bekommen. Allerdings würde ich mich in der dritten Gruppe einsortieren, die wahrscheinlich erst irgendwann im Sommer geimpft wird. Soll ich mich bis August isolieren? Das kann und will ich mir gerade nicht vorstellen."

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