Ist die dritte Welle gebrochen? Experten erklären, warum die Fallzahlen nicht mehr steigen

Seit mehreren Tagen ist der rasante Anstieg der Fallzahlen plötzlich vorbei. Die Zahl der Neuinfektionen und damit die 7-Tage-Inzidenz stagnieren. Experten sehen vor allem drei Effekte, die sich positiv auf das Infektionsgeschehen auswirken: die Osterferien, durchgemachte Infektionen und der Impfeffekt.

Mit Blick auf die jüngsten Infektionszahlen in der Pandemie gibt es bei Kliniken und Wissenschaftlern vorsichtigen Optimismus. Nach einer Verdoppelung der bundesweiten Sieben-Tage-Inzidenz von Mitte März bis Mitte April stagnieren die Zahlen seit rund zwei Wochen bei etwas über 160. Es gibt Einschätzungen, dass sie nach weiteren zwei Wochen sinken könnten – und die dritte Welle gebrochen wäre. Was spricht für positive Entwicklungen?

"Wir haben im Moment eine Gemengelage aus gegenläufigen Trends", sagte Virologe Klaus Stöhr der Deutschen Presse-Agentur. Auf der einen Seite gebe es weiter den Infektionsdruck der kühlen Jahreszeit, die Ansteckungszahlen nach oben treibe. Dazu komme eine Pandemiemüdigkeit in der Bevölkerung inklusive mehr Mobilität und Kontakten.

Stagnation der Fallzahlen dank durchgemachter Infektionen und Impfungen

Auf der anderen Seite sorgten zum Beispiel durchgemachte Infektionen und die Impfungen für eine Infektionsbremse. Dieser Ausgleich erkläre für ihn die Stagnation im Moment, sagte Virologe Stöhr. Wer sich schon mit dem Coronavirus infiziert hat, ist nach der durchgemachten Erkrankung zunächst für einen Zeitraum von mehreren Monaten immun. Zudem sind knapp 25 Prozent der Menschen in Deutschland inzwischen mindestens einmal geimpft – ebenfalls ein großer Schutzschild.

Stöhr ist optimistisch. Sobald es draußen wärmer werde, gingen die Zahlen in rund zwei weiteren Wochen nach unten, prognostizierte der Experte. Denn draußen sei das Ansteckungsrisiko sehr viel geringer. Einzige Gefahr dieses Positiv-Szenarios: Deutlich mehr Menschen als jetzt werden unvorsichtig und halten sich nicht mehr an Schutzmaßnahmen und Auflagen.  

Die Gesundheitsämter in Deutschland haben dem Robert Koch-Institut (RKI) mit Stand vom Mittwoch binnen eines Tages 22.231 Corona-Neuinfektionen gemeldet. Zudem wurden innerhalb von 24 Stunden 312 neue Todesfälle verzeichnet. Zum Vergleich: Am Mittwoch vor einer Woche hatte das RKI binnen eines Tages 24.884 Neuinfektionen und 331 neue Todesfälle verzeichnet.

Experten sehen Plateaubildung – wohl auch wegen Notbremse

"Die Hoffnung ist schon, dass wir hier so eine gewisse Plateaubildung sehen können", sagte Gernot Marx, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin, am Donnerstag in einem Youtube-Video. "Das heißt, dass die Maßnahmen der Notbremse hoffentlich so langsam zu greifen scheinen." Auf den Intensivstationen sei die Lage mit über 5000 Covid-Patienten bundesweit aber immer noch sehr angespannt. Eine Trendumkehr ist dort immer erst zeitversetzt zu spüren.  

 

Die aktuelle Datenlage gebe Anlass zu vorsichtigem Optimismus, hieß es am Mittwoch auch von der Deutschen Krankenhausgesellschaft. Das sei aber noch keine Entwarnung mit Blick auf die weitere Entwicklung der Situation in den Krankenhäusern.

Vorsichtiger Optimismus

Die Zahlen der Neuinfektionen und der Covid-19-Patienten bedeuteten ermutigende Entwicklungen, "die zeigen, dass die Bevölkerung schon vor dem Inkrafttreten der bundesweiten Notbremse am vergangenen Freitag ihren Beitrag zur Eindämmung der Pandemie geleistet hat", sagt Vorstandschef Gerald Gaß. Die Situation gebe Anlass zur Hoffnung, dass es tatsächlich gelinge, die dritte Welle zu brechen.  

"Wir setzen weiter auf das Verständnis und das aktive Mitwirken der Bürgerinnen und Bürger, aber auch auf die Auswirkungen der Impfungen und den positiven Einfluss des nahenden Sommers", ergänzte Gaß. Die konsequente Umsetzung von Beschränkungen bei hohen Inzidenzwerten könnte die Trendumkehr einleiten.

Weniger Kontakte: "Osterferien hatten deutlichen Einfluss"

Auch Mobilitätsforscher Kai Nagel von der Technischen Universität Berlin analysiert die stagnierenden Infektionszahlen. "Zunächst hatten die Osterferien einen deutlichen Einfluss", sagte er der Deutschen Presse-Agentur. "Hier sind nicht nur die Ansteckungen in den Schulen ganz weggefallen, sondern es waren auch viele Eltern nicht bei der Arbeit." Es habe über die Osterfeiertage wahrscheinlich auch deutlich weniger Kontakte gegeben als vorher befürchtet.

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Gutes Wetter lasse mehr Freizeitaktivitäten draußen stattfinden. Dazu seien in einzelnen Regionen schon vor der bundesweiten Notbremse Schnelltestangebote gekommen, auch durch Arbeitgeber und in Schulen, sowie eine Reduzierung privater Kontakte in den späten Abendstunden. In Nagels Modell für Berlin können solche Faktoren den R-Wert senken – also die Zahl der Menschen, die ein Infizierter im Durchschnitt ansteckt. Die Hauptstadt liege um die 1, also an der Grenze, die eine Pandemie beherrschbar macht. "Aber es sind viele Effekte, die für sich genommen eher klein sind, und es ist daher für uns nicht möglich, Ursachen und Wirkungen genau zuzuordnen", schränkt der Wissenschaftler ein.

Stagnation der Fallzahlen nicht wegen weniger Tests

An weniger PCR-Tests kann die Stagnation nach Beobachtung der Akkreditierten Labore in der Medizin (ALM) zumindest nicht liegen. Sie seien in der 16. Kalenderwoche ab dem 19. April im Vergleich zur Vorwoche gestiegen – von rund 1 174 745 auf nun 1 231 477. Die Positivrate habe bei 13,3 Prozent gelegen (Vorwoche: 12,7 Prozent). Der Verband ALM bittet alle Bundesbürger, auf der letzten Teilstrecke des Corona-Marathons durchzuhalten und bei den Schutzmaßnahmen mitzumachen: "Es ist eine schwierige Phase für uns alle. Wir sollten jetzt nicht lockerlassen", appellierte der ALM-Vorsitzende Michael Müller.

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