Warum Kinder und Jugendliche am meisten unter Krisen leiden – und was ihnen hilft

Die aktuellen Zahlen machen den Eindruck, dass vor allem Kinder und Jugendliche unter den Krisen dieser Zeit leiden. Warum ist das so, Herr Lioznov?

Philipp Lioznov: Kinder und Jugendliche befinden sich noch mitten in ihrer Entwicklung. Die eigene Identität, der Charakter und die gesamte Persönlichkeitsstruktur werden erst noch geformt, auch das Gehirn ist erst mit ungefähr 25 Jahren vollständig entwickelt. Dadurch reagieren Kinder und Jugendliche sehr sensibel auf Veränderungen, also auch auf Krisen.

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Manche Kinder kommen aber trotzdem ganz gut durch die turbulente Zeit…

Genau. Wie gut junge Menschen mit Krisen klarkommen, hängt im Wesentlichen davon ab, ob ihre Grundbedürfnisse befriedigt werden oder nicht. Das kann etwas Grundlegendes wie Bindung sein, aber auch das Bedürfnis danach, dass die Welt überschaubar ist. Oft fehlt es den jungen Menschen, die schwerer durch Krisen kommen, außerdem an den entsprechenden Ressourcen und Erfahrungen, um mit diesen Situationen umzugehen. Sie sind dann darauf angewiesen, dass ihre Bezugspersonen ihnen zeigen, wie man mit solchen Zeiten klarkommt.

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Wie erkenne ich denn, dass ein junger Mensch mit der aktuellen Zeit hadert?

Kinder und Jugendliche zeigen eine mentale Schieflage oftmals anders als Erwachsene. Im besten Fall können Erwachsene klar und deutlich kommunizieren, was sie brauchen, damit es ihnen besser geht. Junge Menschen sprechen das oft nicht direkt an, sondern werden verhaltensauffällig oder ziehen sich komplett in sich zurück. Ein Kind wird nur selten sagen: "Mama, ich brauche eine Therapie" – aber es wird sich in einer anderen Form bemerkbar machen, die es dann zu erkennen gilt.

Eltern und andere Angehörige sollten also auf Verhaltensveränderungen achten. Was hilft jungen Menschen noch, Krisen gut zu meistern?

Als ersten Schritt würde ich auf jeden Fall das Gespräch suchen und fragen, wie es demjenigen wirklich geht, was ihn bewegt und ob er etwas braucht. Ein grundsätzlich offener Umgang mit Krisen kann dem jungen Menschen außerdem signalisieren, dass es okay ist, wenn man damit zu kämpfen hat. Hier ist es auch völlig in Ordnung, zu kommunizieren, dass man vielleicht selbst gerade Schwierigkeiten hat, mit der Belastung umzugehen. Es gilt also, mit einem guten Beispiel voranzugehen und dem Kind oder Jugendlichen mit einer offenen, respektvollen und verständnisvollen Aufmerksamkeit zu begegnen.

Lassen Sie uns einmal über den individuellen Tellerrand hinausblicken: Was brauchen wir gesellschaftlich, um die jungen Menschen zu unterstützen?

Die Politik sollte auf jeden Fall mehr Geld investieren, um das Therapieangebot für Kinder und Jugendliche zu erhöhen. Zum Beispiel durch den Ausbau von Kassensitzen für entsprechende Psychotherapeuten. Wir brauchen außerdem viel mehr Aufklärung an Schulen und generell mehr Aufmerksamkeit für das Thema. Die psychotherapeutischen Angebote müssen vor allem dort sichtbar sein, wo sich die Kinder auch aufhalten – und das findet noch viel zu wenig statt.

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Warum manche besser durch Krisen kommen als andere

Wo müsste man die jungen Menschen Ihrer Erfahrung nach denn im besten Fall erreichen?

Viele von ihnen holen sich ihre Informationen über Mental Health heutzutage auf Instagram, Facebook und Tiktok. Das ist natürlich Fluch und Segen zugleich. Auf der einen Seite sind die jungen Menschen dadurch teilweise sehr gut aufgeklärt über psychische Gesundheit, weil es ja auch viel guten Content in dem Bereich gibt. Vor allem Jugendliche erkennen also oft schon selbst, wenn sich psychisch etwas bei ihnen verändert. Das ist eine tolle Entwicklung.

Und was ist der Fluch in diesem Zusammenhang?

Auf der anderen Seite ist die Psychologisierung der Jugend natürlich schwierig. Durch die ständige Präsenz und Auseinandersetzung mit Mental Health entsteht oft auch der Druck, dass es einem immer gut gehen muss. Dabei ist es ganz normal, dass jeder Mensch auch mal schlechte Phasen im Leben hat.

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So schaffen Sie es, in der Krise stark zu bleiben

Wie wirken sich solche Krisenzeiten wie die aktuelle langfristig auf junge Menschen aus?

Ob und wie gut Kinder und Jugendliche Krisenzeiten überstehen, hängt von zahlreichen Faktoren ab. Wer es bereits im Vorfeld schwer hatte, der wird tendenziell auch schlechter durch die Krise kommen. Es besteht in seltenen Fällen und mit der entsprechenden Disposition die Gefahr, Depressionen oder posttraumatische Belastungsstörungen zu entwickeln. Aber Krisen bieten zumindest auch die Möglichkeit, daran langfristig zu wachsen. So berichten viele Menschen, dass sie durch schwere Zeiten im Rückblick stärker geworden sind und neue Ressourcen entdeckt haben, die ihnen im weiteren Lebensverlauf wiederum helfen konnten. 

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