Coronavirus: Studie aus Israel zeigt hohen Schutz durch Booster

Booster-Impfung in Modi’in, Israel

In Deutschland empfiehlt die Ständige Impfkommission (Stiko) allen ab 70-Jährigen und einigen Risikogruppen eine Auffrischimpfung gegen Covid-19, wenn die Grundimmunisierung mindestens ein halbes Jahr zurückliegt. Das Bundesgesundheitsministerium betont: Grundsätzlich haben alle Menschen in Deutschland Anspruch auf diesen Booster, auch wenn er aktuell nicht von der Stiko für alle empfohlen wird.

Welchen zusätzlichen Schutz eine dritte Impfung mit dem Mittel von Biontech und Pfizer bietet, hat ein Forschungsteam mithilfe von Daten aus Israel untersucht. In dem Land sind inzwischen Booster-Impfungen für alle ab einem Alter von zwölf Jahren vorgesehen, deren zweite Biontech-Impfung mindestens fünf Monate zurückliegt.

Vergleich von doppelt und dreifach Geimpften

Um die Wirksamkeit der dritten Impfung zu ermitteln, verglich das Team rund 728.000 dreifach Geimpfte mit ebenso vielen zweifach Geimpften, die sich noch nicht für eine dritte Impfung entschieden hatten. Die Gruppen wurden dabei so gewählt, dass sie sich von den Risikofaktoren für einen schweren Covid-19-Verlauf glichen, also in Bezug auf Alter, Vorerkrankungen, Geschlecht. Im Mittel waren die Teilnehmenden 52 Jahre alt. Die Effektivität der Booster-Impfung wurde also nicht im Vergleich zu gar keiner Impfung ermittelt, sondern im Vergleich zur Grundimmunisierung mit zwei Dosen Pfizer/Biontech.


Wie sie im Fachblatt »The Lancet« berichten, ging es den Forscherinnen und Forschern vor allem um die Zahl der schweren Covid-19-Verläufe, der Krankenhauseinweisungen und der mit Covid-19 zusammenhängenden Todesfälle. Diese seien wichtiger für die öffentliche Gesundheit als milde oder asymptomatische Coronainfektionen, schreibt die Gruppe um Noam Barda und Noa Dagan vom Clalit Research Institute in Tel Aviv.

Die Probanden wurden ab dem siebten Tag nach der Drittimpfung im Schnitt knapp zwei Wochen beobachtet – mit folgenden Ergebnissen:

  • In der Gruppe mit Drittimpfung mussten 29 Menschen wegen Covid-19 ins Krankenhaus, in der Gruppe der doppelt Geimpften waren es 231. Das entspricht einer Wirksamkeit von 93 Prozent der Drittimpfung gegenüber der zweifachen Impfung. (Die Wirksamkeit wird wie folgt berechnet: Die Fälle in der schlechter geschützten, in diesem Fall nur doppelt geimpften, Gruppe entsprechen 100 Prozent. Nun schaut man, wie viel Prozent dann die Fälle in der besser geschützten Gruppe entsprechen. Zieht man diese Prozentzahl von 100 ab, ergibt sich die relative Effektivität beziehungsweise Wirksamkeit. Falls Sie sich jetzt wundern, dass 29 doch 13 Prozent von 231 entsprechen, und die Wirksamkeit entsprechend 87 Prozent betragen müsste und nicht 93: Die Rechnung in der Studie ist etwas komplexer, sie folgt dem sogenannten Kaplan-Meier-Schätzer, eine detaillierte Beschreibung findet sich im Fachartikel.)

  • Von den dreifach Geimpften hatten 17 einen schweren Covid-19-Verlauf, bei den doppelt Geimpften waren 157 betroffen. Das entspricht einer Wirksamkeit von 92 Prozent.

  • Sieben dreifach Geimpfte starben im Zusammenhang mit Covid-19, unter den doppelt Geimpften gab es 44 solcher Todesfälle. Das entspricht einer Wirksamkeit von 81 Prozent.

Die Wirksamkeit der dritten Dosis gegen einen schweren Verlauf und eine Krankenhauseinweisung sei bei Männern und Frauen ähnlich gewesen, auch bei Menschen ab 40 Jahren habe sich die Effektivität nicht mit dem Alter verändert. In der Gruppe der unter 40-Jährigen sei die Anzahl der schweren Verläufe so gering gewesen, dass man die Wirksamkeit der Booster-Impfung nicht habe abschätzen können, heißt es in der Studie.

Booster-Impfungen können globale Impfstoffverteilung weiter verzögern

In einem begleitenden Kommentar in »The Lancet« schreibt K. Srinath Reddy von der indischen Public Health Foundation, dass die israelische Studie sich nur auf den Impfstoff von Pfizer und Biontech bezieht. Dementsprechend sagt sie nichts darüber aus, wie sich eine Drittimpfung bei anderen Impfstoffen auswirkt. Auch weist er auf die Abwägung von Nutzen und Risiken der Drittimpfung in verschiedenen Altersgruppen hin. Bei der Zweitimpfung mit mRNA-Impfstoffen wie dem von Biontech traten in seltenen Fällen Herzmuskelentzündungen auf, insbesondere bei jüngeren Männern. Jetzt warte man auf die Sicherheitsdaten der Drittimpfungen, so Reddy. Über mögliche Komplikationen durch die Impfung berichtet die Arbeit nicht.

Eine weitere wichtige Frage wollen die Studienautoren und -autorinnen nicht beantworten: nämlich ob es sinnvoll oder gerecht ist, Menschen eine dritte Impfung zu geben, während in vielen Ländern noch sehr viele Menschen auf ihre erste Impfung warten. »Es liegt außerhalb des Rahmens dieser epidemiologischen Analyse, auf die komplexen ethischen Fragen einzugehen, die mit dieser Debatte verbunden sind, aber es besteht ein dringender Bedarf an verstärkter Produktion, Verteilung und Zugang zu Impfstoffen weltweit«, heißt es in der Arbeit nur.

Reddy äußert seine Sicht dazu im Kommentar: Die Ungerechtigkeit bei der Verteilung der Impfstoffe sei ein globales Problem, schreibt er. Falls es sich durchsetze, dass die Nationen mit viel Impfstoff allen Bürgerinnen und Bürgern ab zwölf Jahren eine Booster-Impfung anböten, könne das die Impfstoffknappheit in anderen Staaten verstärken.

»In diesem Szenario könnten unzureichend geimpfte Gruppen die Voraussetzungen für neue Virusvarianten schaffen, die nicht nur infektiöser sind, sondern auch eine größere Immunflucht aufweisen, und diese Varianten könnten in Länder mit hohem Impfschutz eindringen und neue Infektionswellen auslösen. Das ist nicht die Art von natürlichem Experiment, das die Welt gern sehen würde.« Länder, die ihre eigene Bevölkerung schützten, müssten auch die Impfstoffversorgung in anderen Ländern sicherstellen.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hatte als Ziel formuliert, dass bis Ende September in jedem Land mindestens zehn Prozent der Bevölkerung geimpft sind. 56 Länder, die »effektiv vom globalen Impfstoffhandel ausgeschlossen waren«, hätten dieses Ziel nicht erreichen können, schreibt die Organisation. Es seien vor allem afrikanische Staaten betroffen. Noch mehr Länder würden das nächste Ziel verpassen, 40 Prozent der Bevölkerung bis Jahresende zu impfen.

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