Arzt weigert sich, zu sitzen: Stühle machen uns schwer krank

Sitzen ist das Grundübel, das für viele Krankheiten verantwortlich ist, sagt Chirurg Martin Oswald. Er hat alle Stühle weitgehend aus seinem Umfeld entfernt, operiert sogar im Stehen oder Knien, und wenn abends die Familie auf der Couch entspannt, tut er das auf dem Boden. FOCUS Online sprach mit Ausnahmemediziner, der zum Thema Sitzen auch geforscht hat.

Kaum Stühle im Wartezimmer, ein Stehpult am Empfang und in den Behandlungsräumen finden sich gar keine Stühle: In der Augsburger Praxis von Martin Oswald gibt es so gut wie keine Sitzgelegenheiten, denn der Arzt will dazu animieren, nicht zu sitzen – und er macht es selbst vor, indem er aus seinem Leben das Sitzen fast vollständig verbannt hat.

Zu Hause nur wenige Sitzmöbel

Der Chirurg mit den Schwerpunkten Phlebologie (Venenerkrankungen) und Proktologie (Enddarmerkrankungen) sitzt nicht einmal beim Operieren. Auch zu Hause gibt es bei ihm wenig Sitzmöbel. Sein Haus hat er bereits vor 20 Jahren entsprechend konzipiert – was jedoch nicht bedeutet, dass für seine vierköpfige Familie nicht auch eine Couch bereitsteht. Aber statt darauf zu sitzen, turnen seine beiden kleinen Kinder meistens darauf herum, sagt der Arzt.

Die einzige Situation, in der auch Martin Oswald nicht am Sitzen vorbeikommt, ist Autofahren. Doch auch hier hat er unter den Lederbezug ein Holzbrett installiert, sodass er wenigstens hart sitzt und damit den Körper nicht vollständig entlastet und somit schwächt.

Krampfadern und Hämorrhoiden gibt es in manchen Regionen der Welt gar nicht

Die Vermutung, dass Sitzen krank macht, etwa Krampfadern verursacht, kam dem Arzt schon vor mehr als 20 Jahren durch zwei Beobachtungen:

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Forschungen, wie gesund Menschen ohne Stuhl und Sitzen sind

Es muss also einen gemeinsamen Faktor geben, der alle Menschen mit Krampfadern betrifft, schloss er daraus. „Und das kann nur der Stuhl, also das Sitzen sein“, erklärt der Chirurg. Um seine These zu prüfen, führte er mehrere Studienreisen nach Äthiopien durch. Die Einheimischen sitzen dort traditionell nicht auf Stühlen, sondern kauern, hocken oder liegen.

Um die Einheimischen zu untersuchen, hatte er ein Ultraschallgerät und andere Diagnosemittel dabei. Das Ergebnis: Die Menschen hatten keine Krampfadern, keine Hämorrhoiden, auch nicht die Älteren, auch Frauen, die mehrere Kinder geboren hatten, was allgemein als hoher Risikofaktor für diese Erkrankungen gilt. Sitzen zeigte sich als der gemeinsame Faktor für solche Krankheiten, so Oswalds Resümee.

Das war übrigens lange bevor erste Studien in den letzten Jahren seine Annahme bestätigten, Stichwort: „Sitzen ist das neue Rauchen.“

Demnach schade jede Stunde Sitzen der Gesundheit, wer mehrere Stunden pro Tag sitzt, verkürze seine Lebenszeit deutlich. „Ich bin sogar davon überzeugt, dass Sitzen noch schädlicher als Rauchen und Alkohol ist“, stellt Martin Oswald fest. Es mache schwer krank.

Sitzen und Krebs

Wie genau das Sitzen die Gesundheit gefährdet, auf welche Weise es schadet, wissen die Forscher noch nicht genau. Stoffwechsel und Herz werden vermutlich nicht ausreichend in Anspruch genommen. Sicher ist, so Oswald, dass uns der Stuhl die Aufgabe der Haltung wegnimmt, in der Folge atrophieren Muskeln, Sehnen und Knochen, sie werden steif, Organe dabei dauerhaft bedrängt.

Dabei überlaste Sitzen nicht nur die unteren Blutgefäße und den Enddarm, führt zu Hämorrhoiden und Krampfadern. Auch Unterleibsorgane, wie beim Mann die Prostata, bei der Frau Beckenboden, Blase und Gebärmutter würden durchs Sitzen krank.

Sogar das Risiko für einige Krebsarten, wie Dickdarmkrebs, Prostata-, aber auch Brustkrebs steige demnach durch langes Sitzen an. Zum Thema Sitzen und Krebs gibt es bislang allerdings kaum fundierte Studien.

Nicht Ratschläge erteilen, sondern selbst danach leben ist sein Credo

Martin Oswald ist der beste Beweis dafür, wie positiv der strikte Verzicht aufs Sitzen ist: Der 67-Jährige bewegt sich geschmeidig, wirkt gelenkig, schlank und sportlich. In den 20 Jahren, seitdem der vormals „wilde Sitzer“ Stühle aus seinem Leben verbannt hat, habe sich sein Wohlbefinden deutlich verbessert, körperliche Veränderungen ausgelöst, die durchweg positiv seien.

Die üblichen, auch altersbedingten Wehwehchen, die andere plagen, kenne er nicht. Wenn er morgens aufwacht, er schläft übrigens auf dem harten Boden, tun ihm die Gelenke nicht weh und er könne ohne die Hilfe der Hände einfach aufstehen.

„Vielleicht ist es das, was mich von manchen anderen Medizinern und Forschern unterscheidet – ich sage nicht nur, sitzen schadet, ich lebe auch danach“, erklärt der Wissenschaftler, der auf Fachtagungen wie dem Venenkongress regelmäßig referiert.

Kein Patentrezept, aber eine einfache Überlegung

Der Arzt konnte dieses Prinzip in seinem Leben integrieren. Für viele andere ist das jedoch kaum möglich. Die meisten sitzen beruflich jeden Tag stundenlang am Schreibtisch und vor dem Computer. Mit ein bisschen Waldlauf am Abend lässt sich das nicht kompensieren. „Hunger kann man nicht mit Trinken stillen“, vergleicht Martin Oswald. Bewegung sei das eine und sie sei auch wichtig, aber die durchs Sitzen ausgelösten negativen Veränderungen an der Haltung ließen sich durch Bewegung nicht rückgängig machen, warnt er.

Möglichst wenig zu sitzen ist die einfache, aber wichtigste Schlussfolgerung daraus. „Einer, der wenig sitzt, wird wahrscheinlich wenig krank, aber wer ganz gesund bleiben möchte, dürfte gar nicht auf dem Stuhl sitzen“, fasst er zusammen. Das wichtigste sei, dass man Falsches vermeidet und das Falsche sei der Stuhl, dann käme automatisch das Richtige heraus, erklärt er seine Lebensphilosophie. Das Lebewesen Mensch ist in der Natur über Jahrmillionen entstanden, in einem Umfeld ohne Stuhl. Nicht sitzen könne auf jeden Fall keinen Schaden anrichten.


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