Regelschmerzen stoppen – Märchen oder Möglichkeit?


Seitdem ich zwölf Jahre alt war, habe ich fast jeden Monat Probleme. Schmerzen im Bauch, im unteren Rücken, Hungerattacken, Verdauungsprobleme, Krämpfe – kurz: Menstruationsbeschwerden. Ein Schicksal, das ich mit vielen Frauen teile. Der Anteil der Menstruierenden, die bereits Beschwerden erlebt haben, liegt Untersuchungen zufolge bei etwa 80 Prozent. Rund 10-20 Prozent sind so stark betroffen, dass alltägliche Aktivitäten eingeschränkt oder unmöglich werden.

Ein Gerät, das Regelschmerzen per Knopfdruck abschalten soll, klang für mich wie eine Verheißung: Ich habe eins ausprobiert, 5×5 Zentimeter klein, entwickelt im Jahr 2015.

Elektroimpulse blockieren Schmerzsignale

Das System, das dahinter steckt, ist die sogenannte transkutane elektrische Nervenstimulation, kurz Tens. Im Inneren des Gerätes werden elektrische Impulse erzeugt, die über Elektroden – angebracht auf dem schmerzenden Bereich – in den Körper geleitet werden. Der Strom reizt die Nerven, die die Signale zum Rückenmark senden und dort die Weiterleitung der Schmerzsignale blockieren. Dadurch kommen die Schmerzimpulse nicht mehr beziehungsweise mit geringerer Intensität im Gehirn an.

Tens-Geräte werden schon seit Jahrzehnten in der Schmerztherapie eingesetzt und teils auch von den Krankenkassen erstattet. Die Studienlage dazu ist allerdings nicht einheitlich. Manche Untersuchungen konnten keinen Vorteil von Tens gegenüber Placebo finden, andere hingegen schon. Eine Metaanalyse zum Tens-Einsatz bei chronischen Schmerzen im unteren Rücken ergab kürzlich, dass sich die Beschwerden mit Tens nachweisbar reduzieren lassen.

Zum Einsatz bei Regelschmerzen sagt die Gynäkologin Doris Scharrel, 2. Vorsitzende des Berufsverbandes der Frauenärzte: „Sie haben sich als Mittel gegen Menstruationskrämpfe gut bewährt und sind ab etwa 20 Euro erhältlich. Bei vielen Geräten von Medizinprodukteherstellern sind verschiedenartige Modi und Frequenzen einprogrammiert.“

Bei meinem kleinen Apparat zahle ich offenbar das bunte, hippe Design mit, ich habe für das Starterkit 125 Euro ausgegeben. Inbegriffen sind das Gerät, ein Paar Elektroden und Gel-Pads.

Zyklus 1: Jetlag und sonstige Symptome Kurz vor einer Urlaubsreise trifft das Gerät bei mir ein. Die erste Periode beginnt in Bogotá, Kolumbien. Als die Blutung und damit die Krämpfe anfangen, befestige ich das Gerät seitlich an meinem Slip, klebe die mit Gelpads versehenen Elektroden auf den unteren Bauch und drücke den Knopf. Die Intensität der Impulse kann man anpassen – ich probiere herum und belasse es bei Stufe 2.

Zunächst geht es mir so schlecht wie immer. Ob Jetlag und Höhenluft eine Rolle spielen? Vor allem hatte ich in meiner Euphorie über das neue Gerät etwas Essentielles ausgeblendet: die Reihe an Menstruationsbeschwerden, die ich abgesehen von Krämpfen spüre. Ich bin müde, habe Probleme mit der Verdauung. Ich setze Teewasser auf, fülle den Rest in eine Wärmflasche und genehmige mir eine Schmerztablette.

Drei Stunden später dann doch eine Erkenntnis: Ich habe kein Bedürfnis nach Ibuprofen-Nachschub, der an starken Tagen sonst bis zu dreimal nötig ist. Die Schmerzen sind spürbar, aber erträglich.

Die Einschätzung der Frauenärztin: Scharrel kommentiert: „Tens-Geräte blockieren die Weiterleitung des Schmerzsignals an das Gehirn, was nicht heißt, dass der Schmerz verschwunden ist. Eine Ursache für die Schmerzen ist die Ausschüttung der sogenannten Prostaglandine, die an Entzündungs-, Schwellungs- und Schmerzprozessen im Körper beteiligt sind. Daran ändert das Tens-Gerät nichts, es verhindert nur zu einem gewissen Maße die Kommunikation mit den Schmerzzentren im Gehirn.“

Meine Erkenntnis: Ich muss ausprobieren, wo ich die Elektroden am besten ansetze und in welcher Frequenz ich sie schalte. Die Krämpfe im Unterbauch und im unteren Rücken kann ich abschwächen, Durchfall, Kreislaufstörungen und Müdigkeit bleiben.

Zyklus 2: Schwacher Akku, schwacher Kreislauf

Der zweite Testzyklus beginnt an einem heißen Sommersonntag. Hitze vertrage ich während der Periode eher schlecht. Ob mein neuer Begleiter das ändert? Zumindest passt das Gerät problemlos unter mein Kleid. Auch die Gel-Pads auf der Haut stören mich trotz Hitze nicht. Optimistisch laufe ich Richtung Park – und komme nicht weit. Die Krämpfe sind zwar schwach, mein Kreislauf aber auch.

Am nächsten Tag muss ich ins Büro. Der Start am Schreibtisch gelingt schmerzfrei. Doch nach knapp zwei Stunden ist der Akku leer, ich habe die lange Aufladezeit des Geräts nicht eingehalten. Glücklicherweise hält die Schmerzfreiheit tagsüber weitgehend an. Ein Zufall? Nach einem oft sehr schmerzhaften ersten Zyklustag ist der zweite Tag manchmal nicht mehr mit starken Beschwerden verbunden. Oder dauert die Wirkung noch „eine Zeit lang an“, nachdem das Gerät ausgeschaltet wurde, wie der Hersteller in der Gebrauchsanweisung erwähnt?

Die Einschätzung der Frauenärztin: Doris Scharrel ist skeptisch. „Nein, das glaube ich nicht. Die Schmerzimpulse kommen regelmäßig, in den Tens-Geräten sind dazu passende Frequenzen einprogrammiert. Man sollte also während der Krämpfe dauerhaft stimulieren, um die Schmerzimpulse zu blockieren. Wahrscheinlicher ist, dass die Blutung am zweiten Tag schon im Fluss und die Verkrampfung zurückgegangen ist. Die ersten 48 Stunden sind meist die schwierigsten der Periode.“

Zyklus 3-6: Routine und Zusatzkosten

Einige Zyklen später ist das Tens-Gerät zur Routine geworden. Zur Sicherheit lade ich es über Nacht auf, wenn die Periode naht. Tagsüber trage ich es, bis der Akku nach acht bis zwölf Stunden leer ist. Je länger ich es während der Periode nutze, desto weniger Krämpfe habe ich.

Die Stimulationsstufe stelle ich je Zyklus etwas höher. Hat sich mein Körper so an die Stimulation gewöhnt, dass immer stärkere Impulse nötig sind? Oder haben sich die Gelpads bereits abgenutzt? Nach etwa vier Tagen Nutzung werfe ich sie weg und ersetze sie durch eine neue Packung, auch wenn in der Gebrauchsanleitung von circa 15 Nutzungen die Rede ist. Eine Packung mit sechs Pads kostet 25 Euro – zusätzliche Kosten, die mir die Schmerzreduktion aber wert ist.

Die Einschätzung der Frauenärztin: „Wie oft man die Pads wechseln soll, kann man am besten selbst einschätzen“, sagt Scharrel. „Natürlich kann und sollte man auch unterschiedliche Frequenzstärken ausprobieren. Sinnvoller wäre es jedoch, mit Hilfe von medizinischem Fachpersonal zu bestimmen, welche Frequenzen am besten geeignet sind – denn das hängt von individuellen Faktoren ab wie etwa der Position und Neigung der Gebärmutter. Hierbei können ein Arzt oder Fachpersonal helfen, die mit Herstellern medizinischer Tens-Geräte zusammenarbeiten.“

Nach mehreren Zyklen mit dem kleinen Apparat frage ich mich vor allem eins: Warum hat mein Arzt mir noch nie Tens-Geräte als Mittel gegen Menstruationskrämpfe empfohlen? Natürlich kann ich meine Schmerzen immer noch nicht abschalten und werde zum Start meiner Periode kaum lachend am Strand entlangradeln und meinen Bauch in die Sonne halten wie das Model im Werbespot für das getestete Gerät. Doch ich konsumiere weniger Schmerzmittel, arbeite konzentrierter und fühle mich ein ganzes Stück besser.

Mein Selbstversuch wirft allerdings ein weiteres Thema auf: Tens-Geräte lindern lediglich ein Symptom, nämlich Krämpfe. Um an der Wurzel des Problems zu arbeiten, brauche es andere Strategien, sagt Scharrel. Wie steht es um die Hormonbalance? Liegen Mineral- oder Nährstoffmangel vor? „Wenn man an diesen Punkten etwas feststellt, kann man unter anderem mit Ernährungsumstellung, Nahrungsergänzung und Heilpflanzen dauerhafte Besserung erreichen“, so die Gynäkologin.


Zusammengefasst: Tens-Geräte erzeugen leichte elektrische Impulse, die die Weiterleitung von Schmerzen im Rückenmark blockieren sollen. Die Studienlage dazu ist uneinheitlich. Im Selbstversuch testet unsere Autorin sechs Monate lang ein Gerät. Ihr Fazit: Die Schmerzen nehmen ab, sie braucht weniger Schmerzmittel und kann konzentrierter arbeiten.

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