Tabakatlas: Warum es falsch ist, dass wir uns an die Tabaktoten gewöhnt haben

Tabakschachteln in Paris: Laut der »Tobacco Control Scale« wird die Zigarettenindustrie in keinem EU-Staat so lax reguliert wie in Deutschland

Die Meldung mit den 127.000 Toten ist nur eine Randnotiz, viele Onlinemedien ignorieren sie an diesem Nachmittag komplett. Diese Toten werden nicht täglich gezählt, Landkreis für Landkreis. Es gibt keine weltweiten Datenbanken, die alle Fälle erfassen, keine Sterbekurven. Kaum ein Politiker spricht von ihnen.

Es sind die alltäglichen Toten. Die Tabak-Toten.

127.000 Menschen sterben in Deutschland jährlich an den Folgen des Rauchens. Das ist mehr als jeder achte Todesfall. So steht es im neuen Tabakatlas, den das Deutsche Krebsforschungszentrum am Dienstag veröffentlicht hat.

Längst nicht alle Tabakopfer haben selbst geraucht

Demnach hat das Rauchen hierzulande 2020 bislang um die 116.000 Menschenleben gefordert – rund siebenmal so viele wie die Pandemie. Schrecklich sind beide Todesursachen. Die politisch Verantwortlichen sollten ihr Möglichstes tun, sie zu vermeiden. Aber während sie das Virus entschlossen bekämpfen, tun sie kaum etwas, um die Tabakseuche einzudämmen. Obwohl das viel einfacher wäre.

Die Zigarette ist eine Massenvernichtungswaffe. Alle vier Sekunden stirbt rechnerisch ein Mensch an den Folgen des Tabakkonsums, das schafft weder Alkohol noch Straßenverkehr. Und nicht alle Opfer hatten die »freie Wahl« (sofern Nikotinsüchtige wirklich eine freie Wahl haben).

1,2 Millionen Tabaktote pro Jahr sind laut Weltgesundheitsorganisation Passivraucher. Sie sterben daran, dass sie die Abgase der Anderen einatmen mussten. Das ist ein Skandal.

Doch wir haben uns an dieses millionenfache Leiden und Sterben über Jahrzehnte hinweg gewöhnt. Und tun deshalb nichts dagegen.

»Es gibt kein gutes Argument dafür, einen Stoff im legalen Verkauf zu lassen, von dem unbestritten ist, dass er weit über 100.000 Menschen im Jahr das Leben kostet«, schreibt die Bundesdrogenbeauftragte Daniela Ludwig im Vorwort des Tabakatlas. »Die Lebenswirklichkeit kennen wir aber auch«, fährt sie fort. »Wer von uns würde ein solches Verbot schon gern durchsetzen wollen, bei sich selbst, der eigenen Familie und im Freundeskreis?«

Eine Prohibition wäre wohl nicht mehrheitsfähig, vielleicht auch überzogen. Aber der Staat würde schon viele Leben retten, wenn er das Produkt Zigarette unattraktiver machen würde.

Laut der »Tobacco Control Scale« wird die Zigarettenindustrie von keinem EU-Staat so lax reguliert wie hierzulande. Deutschland ist der Paria in der Tabakkontrolle.

Andere Länder sind Deutschland weit voraus

Nur hier dürfen die Konzerne ihre Ware noch immer auf großflächigen Plakaten im öffentlichen Raum anpreisen – obwohl wissenschaftlich erwiesen ist, dass Zigarettenwerbung Kinder und Jugendliche zum Rauchen verführt. Erst 2022 wird diese Form der Werbung endlich verboten – nach jahrelangen Verzögerungsmanövern, vor allem durch mächtige CDU-Politiker wie den Ex-Generalsekretär Volker Kauder. Bald darauf soll die E-Zigarettenwerbung untersagt werden, auch wenn die elektronischen Glimmstängel manche Tabaksüchtigen beim Aufhören helfen könnten und wohl ungefährlicher sind.

Andere Länder sind uns weit voraus: Etwa Großbritannien, wo die Kippen fast das Doppelte kosten wie bei uns. Im Vereinigten Königreich bekommen Jugendliche die Tabakwaren im Supermarkt gar nicht erst zu sehen. Schließlich dürfen die Verkaufsstellen die Tabakwaren nicht so offen auslegen wie hierzulande. Sie müssen sie hinter abschließbaren Türen aufbewahren – und dürfen sie nur auf gezielte Nachfrage der Kundinnen und Kunden herausholen.






Die Packung Marlboro oder Camel sieht dann völlig anders aus, als wir sie kennen: olivgrün, ohne Markenlogo, der Produktname in kleiner Einheitsschrift, dafür großflächige Schockbilder und Warnhinweise. Dieses immer gleiche Plain Packaging haben auch Staaten wie Frankreich, Norwegen, Irland, die Türkei oder zuletzt die Niederlande eingeführt. Die Uniformschachteln sollen es Rauchern schwer machen, sich mit einer Marke zu identifizieren. Sie sind zu hässlich, um sie vor sich auf dem Bartisch zu legen.

All das scheint Wirkung zu zeigen: In Australien, das als Erstes eine umfassende Anti-Tabak-Politik startete, wie auch in Großbritannien sind die Raucherquoten über die Jahre drastisch zurückgegangen. Millionen Jugendliche haben gar nicht erst angefangen.

In Deutschland hingegen diskutieren die verantwortlichen Politiker nicht einmal ernsthaft über Plain Packaging. Woran liegt es?

Vielleicht an einer weiteren deutschen Besonderheit: Selbst nach dem Ende der Plakatwerbung im übernächsten Jahr soll Sponsoring erlaubt bleiben – etwa von Parteitagen. Die lassen sich CDU und SPD noch immer von der Zigarettenlobby mitfinanzieren.

Quelle: Den ganzen Artikel lesen